• Sascha @ YOLO andersWO

5 Oktaven und 5 Beamte - Mit dem Zug von Russland in die Mongolei

Russland war perfekt für mich als Start für meine Weltreise, aber es ist Zeit weiterzuziehen. In die Mongolei! Über 6000 Km per Zug liegen schon hinter mir. Jetzt will ich die ganz grossen Weiten sehen und endlich auch kulturell wirkliches Neuland betreten. Aber zunächst muss ich dorthinkommen. Ich buche mir den Zug von Ulan Ude nach Ulan Bator für etwa 80€ in der zweiten Klasse. In den internationalen Zügen der Transsib bzw. Transmongolischen Eisenbahn gibt es keine dritte Klasse, die das 15Stündige Vergnügen etwas günstiger machen könnte. Also zweite Klasse.

Ich checke aus dem Hostel aus und laufe zum Bahnhof in Ulan Ude. Am Bahnhof angekommen, der eher einer Baustelle denn einem Bahnhof gleicht, steht mein Zug auf einer ungewöhnlich modernen Digitalen Fahrplananzeige angeschrieben.



Sobald ein Zug einfährt, erscheint kurz vorher dann auf der Anzeigetafel immer das entsprechende Gleis. Das ist für alle Reisenden in der kleinen Bahnhofshalle das Startsignal sich zusammen in der Manier einer Völkerwanderung mit Sack, Pack, wahlweise auch mit Mikrowelle, verpacktem LCD Fernseher oder ähnlichem auf den Weg zum Zug zu machen. Ich warte also auf meine kleine Völkerwanderung,


Es wird 16 Uhr. Der Zug sollte jetzt kommen?! Doch diesmal erscheint kein Gleis. Auch keine Verspätungsanzeige, obwohl ein entsprechendes Feld auf der Anzeigetafel hierfür vorhanden ist. Die Abfahrtszeit verstreicht und mein Zug auch von der Anzeigetafel. Mmmmhhhh.....Das wär jetz blöd, wenn ich den verpasse, da mein Visa morgen abläuft und nur alle zwei Tage ein Zug fährt. Bei verstrichenen Visa ist mit den Russen nicht zu spaßen. Ich mache mich also lieber auf die Suche nach dem verschollenen Zug.


Die Bahnbeamtin am Schalter versteht mich natürlich nicht oder will mich leicht genervt durch das Kleine Schalterfenster nicht verstehen, während ich wild gestikulierend versuche das verschwinden meines Zuges zu ergründen.


Immer wieder gibt sie aber unglaublich unverständiche Durchsagen von sich, die über die alte Lautsprecheranlage durch die kleine Bahnhofshalle krächzen. Selbst wenn ich russisch könnte, würde ich es nicht verstehen. Die Lautstärke ist eher für Moskauer Bahnhöfe eingestellt mit einem Fassungsvermögen von tausenden Leuten und eher nicht für diese kleine Provinzbahnhofshalle. Ich meine aber meine Zugnummer zu vernehmen. Ich frage andere Zugreisende, die ebenfalls meinen Zug nehmen wollen und ratlos sind. Zumindest bin ich nicht allein....dann wird sich auf jeden Fall eine Lösung finden. Nach gut einer Stunde Ratlosigkeit dann auch eine Durchsage in... sagen wir mal so was ähnlichem wie Englisch....aber immerhin. Der Zug hat 2 bis 3 Stunden Verspätung....


Premiere!!! Das erste Mal erlebe ich, dass ein Zug in Russland nicht auf die Sekunde pünktlich ist. Wenn das aber passiert, DANN ist Chaos angesagt....ich sehe eine leicht genervte Reiseleiterin, die eine Gruppe Europäer betreut und die die Verspätung nicht ganz so gelassen nehmen. Insbesondere ein Mann mittleren Alters beschwert sich lautstark bei ihr, dass sie doch ihre Anschlüsse verpassen und den Flieger und so weiter.......«was soll sie denn tun?», denke ich und bin froh, dass ich Zeit habe und niemanden dafür Anschreien muss, dass ich auch ja bald im Flieger sitze, um schnell wieder im Büro zu sitzen, um mich dann dort über das gemeine Arbeitsleben beim Reiseleiter vor Ort (dem Chef) zu beschweren.


Ich geh lieber erst noch n gemütlichen Kaffee trinken bei der netten Kellnerin vom Cafe gestern, die sich auch rührend mit Decke und Extratee um mich kümmert, während der Herr von eben sich wahrscheinlich noch immer mit der Reiseleiterin den Mund fusselig redet, obwohl das rein gar nix an der Situation ändert. Und ich denke zurück an die Urlaube in denen ich wohl genauso vor dem ein oder anderen Reisebeauftragten oder Airlinemitarbeiter stand und gelobe mich zu bessern.


Nach dann doch 4 Stunden Verspätung checke ich in meinen Zug ein. Es ist bereits dunkel und im Wagon kommen mir überdrehte holländische Rentner entgegen, die zwar für Ihre Energie beneidenswert sind, aber deren Enthusiasmus aktuell irgendwie Fehl am Platz wirkt. Insbesondere eine Dame scheint das erste Mal in Russland Zug zu fahren und kommentiert jeden Türknopf mit Freudenschreien in einer Kombination aus 5 Oktaven ihrer Stimmlage. Ich freue mich ja auch...aber vielleicht n bisschen leiser?!



Ich setze mich in mein Abteil. Ich bin allein. »Hoffentlich kommen keine Holländer in mein Abteil« (obwohl ich die eigentlich sehr mag) schicke ich ein kurzes Stoßgebet gen Zugdecke als genau die 5 Oktaven Dame ihre Sporttasche in die Tür des Abteils stellt. (wie üblich....Flache-Hand-gegen-den-Kopf-hau-smiley) ECHT JETZ????? Und denke....aha, die Wege des Herrn sind unergründlich oder er hat einfach ne Menge Spaß da oben. Würde ich wahrscheinlich genauso machen, wenn ich an seiner Stelle wäre, denke ich noch, da nimmt die Dame Ihre Sporttasche hoch, entschuldigt sich freundlich bei mir -natürlich beginnend mit tiefem a und endend auf hohem c - und bringt ihre Tasche ein Abteil weiter. Glück gehabt. Der Wagon ist voll mit Touris...das erste Mal auf meiner Reise aber wie es der Zufall - oder der lustige Mann da oben (je nach Ansicht) - so will, gesellt sich Ludmilla zu mir ins Abteil. Die einzige Russin im Wagon.

Sie ist Juraprofessorin aus Irkutsk und fährt zu einem Unitreffen mit alten Freunden in die Mongolei. Auch das erste Mal. Sie spricht ein ganz klein wenig Englisch aber wir helfen uns immer wieder mit Google Übersetzer und vereinbaren uns ein wenig Russisch und Englisch beizubringen.


Ich erzähle von meiner bisherigen Reise und lerne so die Worte "Kran" (Wasserhahn), "Knigger" (Buch) und "Izvinitje" (Entschuldigung). Ludmilla erzählt, dass sie im Urlaub in Italien war und sich dort mit einem Engländer unterhalten hat. Ihr erwachsener Sohn, der als ITler wohl ein ganz passabeles Englisch spricht, fragte sie daraufhin, welche Sprache Sie denn mit Ihrer Urlaubsbekanntschaft gesprochen hätte, denn Englisch sei das nicht gewesen, erzählt sie lachend. Der Inhalt ist auch manchmal gar nicht so wichtig.


Nach einer Stunde meint Sie, sie fühlt sich wie zu Hause, da ihr Sohn Psychologie studiert hat und auch Gitarre spielt. Wie ich. Wir reden über Gott und die Welt und sie berichtet mir auch von den schlimmen Waldbränden in Sibirien, die ich bis dahin noch nicht mitbekommen hatte. Auch ohne Nachrichten bekomme ich die wichtigen Dinge mit und dann eben ohne den ganzen Angstmacherquatsch drum herum.

Nachts um 1 Uhr hält der Zug an der Grenze, nachdem ich Ludmilla beim Einreiseformular für die Mongolei helfen konnte, was diesmal erstaunlicherweise in Englisch war. Nach knapp einer Stunde halt ohne das irgendetwas passiert, knallen die Türen. »KONTROL!« Und Uniformierte russische Grenzbeamte kommen Lautstark in den Wagon. Wir werden vor das Abteil gebeten und es wird mit Spürhunden am Gepäck geschnüffelt. Die Bettlacken werden umgekrempelt und nach einer Minute ist es vorbei.


Wir beruhigen uns und nehmen wieder Platz. 10 Minuten später knallen die Türen erneut. »PASSPORT!« Vernehmen wir aus den Nachbarabteilen. Eine zierliche Frau kontrolliert die Visa. Wieder ist nach einer Minute alles vorbei und wir fragen uns, ob es das jetzt war. Mit Nichten. 10 Minuten später. Wieder ein Grenzbeamter. Diesmal etwas ruhiger, der uns nach Bargeld oder Einfuhr verbotener Dinge fragt. Wir verneinen. .....10 Minuten später. Wieder ein Beamter....diesmal behält der Kontrolleur den Ausreisezettel aus Russland, den ich bei der Einreise vor 4 Wochen in St. Petersburg erhalten habe. Wieder 10 Minuten später erhalten wir dann unseren Ausreisestempel aus Russland...vom fünften Beamten.


Selbst Ludmilla zählt ungläubig nach. Hätte das nicht einer machen können? Naja im Staatsdienst verdient man -wenn man nicht gerade Öl oder Gasoligarch ist - eben mit am meisten in Russland. Da teilt man sich die Arbeit schon mal. Aber jetz haben wirs geschafft! Das Licht im Zug geht aus.

Wir legen uns gegen 2:15 schlafen als der Zug wieder anrollt. Ich träume schon von den Weiten der Mongolei als.........LICHT AN! »KONTROL!« Wir schrecken auf schauen uns ungläubig an. »Again?« Genau 45 Minuten nach Ende der russichen Kontrolle sind die Mongolen dran. Das gleiche Prozedere. 5 Beamte, Gepäckkontrolle, Pass, Einreiszettel, Stempel. HALB VIER können wir dann wirklich mit geröteten Augen schlafen. Hier trifft das Wort Nachtzug wirklich zu. Von Schlafzug war ja nie die Rede.


Am morgen werde ich geweckt von den saftigen grünen Ebenen der Mongolei. Und Herden von freien Pferden mit ihrer Kurzen Mähne, Yaks und riesigen Ziegenherden. Es ist wirklich so, wie ich es mir vorgestellt habe. Mongolei ich komme.


In Ulan Bator verabschieden Ludmilla und ich uns herzlich mit einer Einladung ihrerseits nach Irkutsk. Dann aber im Winter wenn der Baikalsee meterdick zugefroren ist und man mit dem Auto darüber fahren kann.


Infos für Weltenbummler: Die Züge von Ulan Ude nach Ulan Bator sind oft frühzeitig ausgebucht. Hier sollte man früh buchen. Es gibt hier keine dritte Klasse, sondern nur zweite und erste Klasse. Die zweite Klasse kostet etwa 80€. Die Ausstattung ist die Gleiche wie in den Zügen der Transsib. Das Zugpersonal ist jedoch meist mongolisch und es wird dann meist weder russisch noch englisch gesprochen.


Der Zug benötigt 15 Stunden von Ulan Ude nach Ulan Bator. Davon sind jedoch 3-4 Stunden üblicherweise Aufenthalt an der Grenze. Dies ist üblicherweise auch mitten in der Nacht. Man kann sich also auf wenig schlaf einstellen. Aussteigen darf man jedoch nicht.


Man sollte darauf achten, dass der Zug die Grenze häufig gegen Mitternacht passiert. Gerade wenn es zu Verspätungen kommt, sollte man hier darauf achten, dass das Visum für Russland auch noch Gültigkeit hat. Ein Ungültiges Visum ist in Russland eine Straftat und zieht nach den Erzählungen anderer durchaus massivere Probleme nach sich. Ich würde empfehlen also das Visum nicht ganz auszureizen, sondern einen Tag früher in den Zug zu steigen. So habe ich es auch gemacht.


Bei der Ausreise aus Russland benötigt man den Zettel, den man bei der Einreise bekommen hat. Der wird dann bei Ausreise wieder eingezogen. Ich habe mir sagen lassen, dass es ohne diesen Zettel ebenfalls Probleme geben kann. Ich habe mir für meinen Pass extra eine Hülle gekauft. In deren Taschen habe ich den Zettel immer aufbewahrt. Durchaus hilfreich, da man den Zettel auch immer beim Checkin in den Unterkünften benötigt.

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