• Sascha @ YOLO andersWO

Blutdruck und positive Gedanken - Jaipur, Indien

Aktualisiert: Mai 25

Pink soll sie sein, die nächste Stadt auf meiner Reise. Jaipur. Ich habe mich entschlossen zunächst den Nordosten Indiens zu bereisen - Rajastan, um genauer zu sein, um dann in den Osten über Kalkutta nach Bangladesh abzudrehen. So der Plan. Naja Pläne…Friedrich Dürrenmatt hat einmal gemeint:

«Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.«

Und genau so wird es auch bei mir wieder sein.

Aber erstmal steht der Plan die bunten Städte Rajastans zu erkunden. Bunt vor allem gemessen am Erscheinungsbild der Gebäude: Jaipur – die pinke Stadt. Jodhpur - die blaue Stadt und Jaisalmer – die goldene Stadt. Viel Abwechslung und die indische Kultur in kurzen Zugabschnitten erleben. Eine schöne Einsteigertour für Indien eben, um auch zunächst vor allem keine all zu langen Zugfahrten zu haben und die Riesenmetropolen zu meiden. «Du musst aus den Großstädten raus!« hatte mit Jan als erfahrener Indienreisender in Nepal mit auf den Weg gegeben. «Dort findest du das wahre und schöne Indien.« Vollgestopfte Metropolen darauf habe ich eh keine Lust.

Und Jaipur ist auf jedenfall schon mal…..voll. Shit. Deutlich voller als Delhi überraschenderweise.





Von Wegen die Metropolen meiden. Das Jaipur jedoch so voll ist, hat einen Grund. Es ist gerade Diwali - eines der größten Feste der Hindhus. Im Grunde eine mehrtägige Mischung aus Weihnachten und Silvester. Es gibt Geschenke und «Boom« explodiert auch schon der erste Tschechen….Nein…Inderböller neben mir – gegen den die Tschechenkracher übrigens ziemlich alt aussehen.

Manche Orte verbindet man ja mit Gerüchen oder eben Geräuschen.


Jaipur hinterlässt bei mir vor allem diese eindringlich Fiep-Geräusch, mit der ich die Stadt in der ersten Nacht wahrnehme.

Als der Tinitus langsam nachlässt und die kichernden Jugendlichen weiterziehen, bin ich schon mittendrin im Gedränge. Hunderte Menschen säumen die Straßen. Mit bunten Gewänder, leuchtenden Schleiern und mit Goldketten geschmückte Frauen queren die Straßen im Schlepptau hunderte Feierwütiger Jugendlicher, die keinen Hehl daraus machen ausgelassen….«Boooom«…ja, genau….. Böller in die Menschenmenge zu werfen.




Der ein oder andere wird hier wohl seinen Arm lassen. Und ich muss an ein Bild denken, dass sich bei mir eingebrannt hat auf den Bahnhöfen Indiens - Die vielen Bettler mal ohne Arme, mal ohne Beine und manchmal nur Torsi. Das meine ich ernst: Torsi, die sich auf alten Decken über die Bahnsteige quälen, mit einer Art Löffel im Mund zum Antrieb und um jeden Cent in tief demütiger Haltung erbeten. Die Geschichten dahinter sind für mich mehr verwirrend als so einfach in schwarz und weiß einordenbar, so wie wir es in unserem Kopf so gerne gewohnt sind. Denn viele der Bettler verlieren Ihre Arme und Beine nicht etwa beim Böllern während des Diwali, sondern sie Hacken sie sich oft selbst ab oder die Verwandten tun es, erzählt mir ein Hostelbesitzer später. Warum? Die Rechnung ist einfach, um so weniger Gliedmaßen die Bettler haben, desto mehr Geld geben die Inder, auch wenn sie die Story dahinter meist kennen.

Ich weiß auch nicht, was ich denken soll. Schwarz-weiß ist das auf jeden Fall nicht. Sich selbst oder den Verwandten die Arme und Beine abzuhacken, um besser betteln zu können? Ernsthaft? Aber wie verzweifelt und wie aussichtlos muss die Situation für die Menschen sein, um so weit zu gehen. Ich bin auf jeden Fall verwirrt, während ich weiter durch das gleichartig undurchsichtige Gewirr der Menschen in Jaipur zu Diwali laufe.




Zwei Junge Männer wecken mich auf aus meiner Trance und sprechen mich an. « Hey! Wie geht’s? Wo willst du hin?«. Als ich auf diese Frage dankend und bestimmt mit einer Handbewegung und strengem Blick ablehne und ein Gespräch vermeiden suche, kontert der Inder in leicht wehmütiger Stimmer als ich vorbeilaufe «Wieso sind alle Westler so abweisend zu uns? Wir wollen uns doch nur unterhalten!? Hier sind so viele tolle Nationen die ich kennenlernen will und niemand redet mit uns?! Wieso? Bitte? Bitte, Wieso?« gibt er flehend zu Protokoll.

Okay. Das lässt mich jetzt auch nicht kalt. Auch wenn ich doch so oft von den Indern, die mich ansprechen enttäuscht worden bin und am Ende immer wieder nur die Dollarzeichen in Ihren Augen sehen musste. Aber das wehemente Flehen gibt mir einen Ruck und ich gebe den Beiden die berühmte zweite Chance und erkläre ihm bereitwillig meine Sicht über mein Verhältnis zum Vertrauen in Indien und berichte über Dollarzeichen in den Augen und das das nun mal nicht förderlich für die Völkerverständigung ist.

«Ich will niemandem etwas verkaufen. Ich will neue Nationen, neue Sprachen lernen!«, entgegnet er fast weinerlich und erschüttert. «Mmmhh.. vielleicht habe ich unrecht und muss meine Sicht revidieren. Vertrauen ist immer ein Risiko. Funktioniert aber nur so« denke ich bei mir und wir kommen ins Gespräch.

Schnell geht es um Familien und Geschwister, die mir bereitwillig gezeigt werden und auch ich zeige stolz die neue Nichte und berichte von Brüdern und Eltern. Reisegeschichten, Träume, Lebensweisheiten und Anekdoten sprudeln in die Runde. Und doch….nach knapp 45 Minuten tiefgehender Gesprächsrundreise muss ich gehen. Mein Hostel schließt bald. Und ich bin erleichtert, dass ich unrecht hatte und froh dem Vertrauen einen kleinen Vorsprung zu geben. Vielleicht sind die Inder doch ganz anders. Und ich atme innerlich auf. Denn es ist nicht meine Art mich abschotten zu müssen, vor Menschen, die mich freundlich ansprechen. Gerade auf meiner Weltreise, die vorallem aus den Menschen besteht, denen ich begegne. Die unbescholtene Hilfsbereitschaft der Russen, die Lebenfreude der Nepalesen oder die Gastfreundschaft der Mongolen. Eine Wonne. Menschen mit misstrauen zu begegnen, weil ich immer davon ausgehen muss abgezogen zu werden – ein Graus für diese Reise und mein Gemüt. Ich will sie doch kennenlernen, die Menschen, die Kulturen.

«Ich solle doch hierbleiben.« meinen die Beiden. Ich verneine. Ich kann nicht. Das Hostel schließt bald. Und zack zaubert der nette Kerl eine Karte hervor. Er ist …Er ist Touristenführer. Ich kann morgen eine Tour bei Ihm buchen oder solle doch bitte ein Souvenier bei ihm kaufen, die er aus der Mantel zaubert, während er mich unsanft am Arm packt.


Die Traumblase über meinem Kopf, die freundlich gesinnte Inder zeigt, denen ich voller Ver- und Zutrauen die Hand schüttle, zerplatzt schlagartig über mir, wie im Comic.

«Du musst was kaufen! Für deine Nichte!« schiebt einer der Beiden noch hinterher, als wäre es nicht schon genug.

Ich glaube meine Augenrollen und meine Enttäuschung war ohne jegliches verbalisieren trotzdem hörbar und kann als freundliches aber bestimmtes «Auf nimmer Widersehen« verstanden werden, als ich die Szenerie wortlos verlasse. Ich bin enttäuscht. Nicht vom Verkaufen, sondern von den dreisten Lügen, die kein Einzelfall in Indien bleiben. Und nein, für die die sich das jetzt Fragen, dass liegt für mich nicht nur an der Armut. Nepal, aus dem ich gerade komme, ist ein ärmeres Land als Indien. Und vielleicht ist gerade das auch ein so krasser Kontrast. In Nepal könnte ich gefühlt jemandem meinen gefüllte Brieftasche für zwei Tage überlassen und würde sie genauso gefüllt wieder zurückbekommen. Vielleicht sogar noch mit einem kleinen Präsent, weil man so viel Vertrauen gezeigt hat.


In Indien hingegen hat meine Brieftasche wahrscheinlich schon den Besitzer gewechselt, bevor ich überhaupt gefragt hätte. Ja, ich bin enttäuscht. Und zwar sehr. Ich find es selber blöd darüber zu schreiben, da es einer der wenigen Enttäuschungen auf dieser Reise ist. Aber es ist eben auch eine neue Erkenntnis. Indien ist eine Erfahrung, zumindest so wie ich es kennengelernt habe. Was übrigens nicht heißt, dass ich auch tolle Inder kennengelernt habe. Eine Menge …aber generalistisch betrachtet, ist das Bild deutlich schlechter als in anderen Ländern meiner Reise, so leid es mir tut.

Haken dran. Ich mache mich weiter auf den Weg. Fokus auf die wunderbaren Dinge die Indien zu bieten hat.


Zum Beispiel schaue ich mir am nächsten Tag erstmal die größte Sonnenuhr der Welt an. Bei Schatten…..



Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass der Text einen negativen Touch hat…ich weiß auch nicht warum.

Naja. Zurück zur Uhr. In einem kurzen Moment des Glücks kann ich mich tatsächlich davon überzeugen, dass sie funktioniert und der Haushohe Monolit in der Mitte des Bauwerks einen langen Schatten auf die tausenden kleinen Einkerbungen des monströsen Ziffernblattes wirft. Die Uhr ist tatsächlich auf zwei Sekunden genau. Was irgendwie nicht so viel bringt, wenn dann eine halbe Stunde die Sonne nicht mehr scheint. Gott sei Dank gibt es Schweizer, die das mit den Uhren auch ohne Sonne hinbekommen haben. Obwohl es eigentlich gar nicht so verkehrt wäre, wenn der Wecker morgens nur klingeln würde, wenn die Sonne auch scheint. Eine Welt voller Sonnenuhren, die nur dann funktioniert, wenn das Licht der Sonne den Tag auch wirklich überstrahlt. Ich kann doch positiv denken. Geht doch.





Und es wird noch besser, als ich zum Affentempel etwas außerhalb von Jaipur hinaufsteige. Der liegt etwas versteckt zwischen den Felsen auf einen Berg versteckt und dann….ja dann bin ich plötzlich milde gestimmt.




Von einem auf den anderen Moment als mich die bunten und prachtvoll geschmückten Gewänder der Damen anstrahlen, die hier im Tempelbecken in voller Montur ein Bad nehmen. Neben ihnen sitzen die Affen, die durchaus mit ihrer Größe beeindrucken und tun es ihnen gleich.






Es stört keinen, dass die Affen hier sind oder direkt neben einem sitzen. Sie sind die heiligen Wächter dieser Stätte. Und mich überkommt Zufriedenheit und meine Pupillen erweitern sich, während ich andächtig und wieder begeistert von der Schönheit der Farbenpracht dem Treiben zu schaue. Ja. Das ist Indien für mich -Diese Farbenpracht und wirklich spirituelle Energien an Orten wie diesen. Man kann sich dem kaum entziehen, wie der Tempel in so ein besonderes dunstiges Licht getaucht ist und die Menschen im Tempel in voller Hingabe ihre Wasserrituale vollführen.






Ich beobachte eine Frau, die Wasser in einer kleinen Schale schöpft, während sie bis zu den Knien im Tempelbecken steht. Sie schwenkt die Schale langsam und mit den Augen starr folgend über Ihren Kopf, während sie stetig ein paar Verse auf den blutrot geschminkten Lippen zu wiederholen scheint. Die Augen weiter gebannt auf die Schale gerichtet, schüttet sie das Wasser ganz langsam aus der Kopfposition nun mit geschlossenen Augen züruck in das Tempelbecken. Der Wasserfluss unterbricht dabei nicht ein einziges Mal und ist so langsam, dass der ganze Vorgang gut eine Minute dauert. Sie ist ganz konzentriert auf das Wasser, das Fließen und ihre Verse. Strahlend in Ihrem Orange-Gelben Kleid.

Dem kann ich mich wahrlich nicht entziehen. Hab ich sie wohl gefunden - die Spiritualität Indiens. Gott sei dank.









Ich bin gut gestimmt und mich stören auch die hundert Selfies nicht, die gefühlt jeder Inder im Tempel mit mir machen will. Es ist einfach cool sich mit einem Westler zu zeigen. Man braucht sich also auch hier nicht wundern, wenn man danach hundertfach in den Einschlägigen Facebook und Instagram Profilen der Selfie Jäger auftaucht.Kenn ich ja schon aus China.



Aber die Inder wären nicht die Inder, wenn mir einer Selbiger während ich mit meiner Kamera für ein tolles Foto des Tempels ansetzte, mir diese unverhohlen aus der Hand schlägt und mich ohne mit der Wimper zu zucken zu einem Selfie nötigen will.




Zwischenbemerkung zur Völkerverständigung:


Wichtig ist in solchen Situationen, dass man sich bewusst macht, dass man in einem fremden Land ALLEIN ist, hier andere Sitten herrschen und man somit stets Nachsichtig sein sollte. Man ist Gast. Gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme sind der Schlüssel zur gegenseitigen ……WAAAASSSS FÜR EIN SCHWACHSINN! Ich werfe meine manieren kurz mal sowas von über den Haufen. Jetzt reichts


«Are you nuts!!!« ...zu deutsch...«Bisse beklopp!« fahre ich den Inder an.

Der die Welt nicht so ganz zu verstehen scheint.

Er hält kurz inne, blickt mich ungläubig an und…..und und nimmt mich wieder am Arm für ein Selfie, während ich versuche meine Kamera vom Schubser wieder einzufangen. «Meint der das ernst?!« denke ich und überlege wo ich denn jetzt die Blutdruckmedizin herbekommen soll. Ich stoße ihn weg und drehe mich von der Kamera ab. JETZT ist Schluss hier. Kulturelle Einigkeit hin oder her. Das man sich die Kamera nicht aus der Hand schlägt ist auch in Indien wohlgeläufig du A…..

Er hingegen scheint das ganze immernoch nicht einordnen zu können. Also erkläre ich es ihm so, dass es ihm die umstehenden Mitbürger später auch problemlos erklären können, falls er etwas davon in der Aufregung verpassen sollte. Entsprechend LAUT erkläre ich dem verdutzten Inder, dass ich seine Vorgehensweise nicht so ganz in Ordnung finde und er bitte gehen soll. Der…. grinst immernoch und ist wahrscheinlich abgelenkt von meiner leicht hervortretenden Halsschlagader. Und trotzdem scheint er mit Hilfe der Umstehenden die Nachricht empfangen zu haben und geht. Gut, dass ich das Umfeld in weiser Vorrausicht durch meine Lautstärke in den konstruktiven Austausch mit einbezogen habe.

Relax hatte unser Sherpa Sudibh in Nepal immer gesagt, wenn irgendwas in den Bergen nicht so ganz nach Plan lief. Ich versuche es. Später erzählt mir ein Spanischer Mitbewohner aus dem Hostel, der schon ein paar Jahre in Indien als Manager arbeitet, dass die Inder mit unsere Art…sagen wir mal Kritik….nicht wirklich umgehen können. Wirst du laut, wenn die Inder etwas falsch gemacht haben, verstehen sie es erst recht nicht. Es ist einfach nicht üblich in Indien. Also wird einfach alles weggegrinst. Ich nicke dem Spanier zu und grinse…mit Unverständnis.






So...das war er der wohl schlechtgelauteste Blog meiner Reise bisher. Ich kann das durchaus mit ruhigem Gewissen sagen. Denn ich schreibe ja mittlerweile ein paar Monate aus der Zukunft. Ist auch eine Art Luxus, zu wissen, dass es ab hier nur bergauf geht. Die Welt ist schön. Auch wenn es hier mal gerade nicht so klingt. Und ja. Es ist eine Erfahrung über die ich sehr froh bin. Indien ist eine Erfahrung und ich habe mittlerweile ein ganz anderes Bild von Indien als ich es vorher hatte. Insbesondere, da ich das Glück hatte auch Pakistan und Bangladesh noch zu besuchen (kommt noch). Gerade politisch haben sich hier Welten für mich aufgetan. (Kommt später.) Und deswegen bin ich sehr froh über diese doch konträren Erfahrungen für mich. Oder wie Alexander von Humboldt schon meinte:


«Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.«


Ich weiß es mittlerweile ein wenig besser über eine Region (Indien , Pakistan, Bangladesh), die gut ein Drittel der Weltbevölkerung beherbergt.

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