• Sascha @ YOLO andersWO

Guideless und Wunschkonzert - Baikalsee

Glasklar und mit ruhigem kaltem Wasser so liegt der Baikal vor mir...rechts ragen steile klippen mit grünen Blumenwiesen und Nadelbäume an der Küste auf...links ein einsamer langer heller Kieselstrand.....alles wirkts majestätisch....zumindest deutlich majestätischer als ich....der nur mit Unterhose bekleidet, verschwitzt von einer 20km Wanderung bibbernd am Ufer stehe und mich noch nicht richtig traue hineinzugehen. Ich rufe Clement zu, der angekleidet neben mir steht und aber schon mit seinen Füssen im Wasser steht »so your feet will be 100 years old....not you« und lache.



Die Legende sagt, wer im Baikalsee schwimmt wird 100 Jahre alt. Jedoch klären die Russen, die ich treffe etwas belustigt immer darüber auf, dass das nicht an dem heiligen Wasser des Sees liegt, sondern eher daran, dass der, der verrückt genug ist in das eiskalte Wasser zu springen und das auch noch aushält, eh gesund genug sein muss um 100 zu werden.

Bibbernd und immer noch in Unterhose denke ich zurück an die Tage, die ich in Irkutsk und am Baikal erlebt habe. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (siehe Blog Kölschkultur), wurde der Baikal doch noch zu dem wunderschönen Ort, den ich von den Erzählungen meiner Eltern kenne. Und sind es die Menschen die ich hier getroffen habe, die es dazu gemacht haben. Wie Clement und Alessia, die ich in Irkutsk im Hostel kennenlerne.


Alessia ist Russin aus Krasnojarsk, hat aber vor 2 Jahren in Irkustk studiert. Sie kennt sich also hier ganz gut aus....ein Volltreffer für uns. Alessia lernen wir kennen, als Jakob (siehe Blog Kölschkultur) am Morgen seine lange Mähne trocknen will, aber eben kein Fön im Hostel zur Hand ist. Ich schlage vor, dass er doch bei einem der Mädels nach einem Fön fragen soll..... Und ergänze, dass ich gern Fragen würde, es aber möglich sei, dass man mich aufgrund meiner Ultrakurzhaarfrisur eventuell nicht ganz ernst nehmen könnte, sofern ich frage. Alessia ist also per Zufallsprinzip die Auserwählte und stellt ihren Fön zur Verfügung. Clement aus Paris verfolgt die Szene und nach kurzem Kennenlernen und einer spontanen kleinen Gittarrensession zu Irish Folk mit Clemens als Sologitarrist, Jakob als Drummer, Alessia als Groupie und mir als Vocal und Rhytmusgitarrist, gehen wir alle gemeinsam frühstücken.



Alessia kennt die besten Läden und vor allem auch die günstigen. So kommen wir für 2 € an ein echt üppiges Frühstücksbuffet. Und nicht nur das .....in den nächsten Tagen unternehmen wir eine Menge zusammen. Alessia, Clemens und ich relaxen gemeinsam in einem russischen Schwimmbad - was wir wohl in den Aussenbezirken Irkutsks wohl sonst ohne Alessia nie gefunden hätten, wir erkunden die Stadt, tauchen in die georgische Küche ein und haben eine Menge Spass beim Posen in alten Gewändern und das beste ist.....ich bekomme ein wahres Wunschkonzert. Denn wenn man in Russland zum ersten Mal etwas probiert, klärt mich Allessia auf, darf man sich etwas wünschen. Ich lasse mich also sehr gern entjunfern...is ja auch schon ne Weile her und wenn ich mich diesmal auch noch was wünschen kann.....bin ich gern dabei, Mit Alessia Hilfe muss ich nach drei Tagen gemeinsamer Stadterkundung echt tiefgründig Grübeln, was ich mir denn noch Wünschen soll: Erste Entjungferung.... Zum Frühstück gibt es Kascha - eine Art süsses Zwischending aus Porridge und Haferschleim mit Früchten und deutlich leckerer als es sich gerade anhört. Wunsch 1. (wird natürlich nicht verraten)


Dazu gibt es Mors- einen süssen Saft aus Weizen, der irgendwie wie eine Mischung aus Malzbier und Pfirsicheistee schmeckt. Wunsch 2.


In der Stadt führt uns Alessia über die Märkte.....wir probieren dass kühlende Getränk Nummer 1 der Russen "Kwaz" für heisse Tage. Meist wird es direkt von älteren Babuschaks direkt vom Siloanhänger in kleine Becher gezapft und schmeckt ein wenig wie Karamalz. Wunsch 3.






»Russischer Kaugummi?« fragt Allessia. »Never tried??? I show you.« Also teilen wir uns ein kleines Paket einer klebrig braunen Masse von der wir jeder ein Stück abbeißen.




Sierra, der russische Kaugummi wird aus Baumrinde gemacht. Er schmeckt aber leider auch so und Clement verzieht doch sehr das Gesicht nachdem er ein Stück mit viel Mühe abgebissen hat und eben genauso schnell wieder ausspuckt. Allessia ergänzt, dass der Kaugummi....naja....eher heilende als geschmackliche Fähigkeiten besitzt. Wunsch 4. Georgisch essen.....Wunsch 5. ...und so geht es die nächsten Tage weiter.


Später.....Beim gemeinsamem Abendessen erörtern wir die Pläne für die nächsten Tage. Clement und ich wollen zum Baikalsee. Insel Olkhon? Nein. Sie liegt in der Mitte des Baikalssees und viele Reisende und auch Russen erzählen von wunderbarer Landschaft...aber das ist eben nur in unserem Zeitfenster als geführte Tour möglich. 6 Stunden Minibus mit vielem fotowütigen Pauschaltouristen .....





so die ein oder andere Erzählung im Hostel...das ist eher nichts für mich. Ich will wandern und die Natur des Baikals in MEINEM Tempo und mit eigenen Füssen erfahren. Wir beschliessen also zum Great Baikal Trail zu fahren und dort zu wandern. Der Wanderweg wurde vor ein paar Jahren von ein paar Dresdnern angelegt (von wem denn sonst...als Sachsen). Irgendwann soll der um den ganzen Baikal führen...aktuell sind aber nur Abschnitte begehbar.




»Aber wie finden wir den Weg?«, fragt Clement. Er hat beim Hostel schon nach einer Tour gefragt..3500 Rubel pro Nase....50€?!?! «Nein. Wir brauchen doch keinen Guide« erwidere ich. «Lass es uns ohne machen. Ich bin dein Guide!« Jakob, der sich dem Abendessen angeschlossen hat, stimmt zu. »Macht es ohne.«, wirft er ganz in der Manier des Individualisten ein. Und nach ein bisschen hin und her ist die Sache beschlossen. »GUIDELESS«


.... Vielleicht hat auch geholfen, dass Alessia uns anbietet zum Baikalsee mitzufahren und uns mit ihrem Russisch zu helfen den Anfang des Trail zu finden, was wohl nicht ganz einfach ist....Russland eben. Keine Schilder. Tatsächlich berichten mir ein paar Deutsche die ich ein paar Tage später treffe, dass sie den Trail einfach nicht gefunden haben. Danke Alessia!


Wir wollen die etwa 23 Km von Listwijanke mach Bolshoje Kotye auf dem Trail laufen für die man etwa 5-8 Stunden benötigt und dann mit der Fähre zurück nach Irkutsk. Nach Listwijanke kommen wir dank Alessia am nächsten Morgen mit der Maschrutka (die umgebauten Sprinter mit etwa 12 Sitzen) und müssen dann aber noch 1 Stunde zum Eingang des Trails laufen. Wir fahren um 9:30 in Irkustk los und sind erst 12 Uhr am Eingang des Trails. Auch wird ein Permit für den Trail benötigt, dass man für 100 Rubel am Eingang des Trails oder einer kleinen Holzhütte (muss man echt fragen) in Listwijanke bekommt. Wichtig ist, dass man die Fähre vorher online bucht. Vor Ort ist das nicht möglich und wir hatten am Vorabend die letzten beiden Plätze gebucht.



Wir wandern los.... und zwar direkt steil bergauf ...5km durch den sibirischen Wald...aber mit richtiger Steigung! Ich habe meine Bergstiefel an, die ich für Nepal hier einlaufen will. Mein zweites Paar leichte Wanderschuhe habe ich Clement geliehen....»was ein guter Guide nicht so alles macht....« Er hat sie zwar nicht an....aber dabei, falls es doch regnen sollte und der Trail zu schwer wird.





Die erste Steigung verlangt uns viel ab.....Naja...im Grunde ist es eine einzige kilometerlange steile Steigung! Wir schwitzen gut, aber werden nach 5km mit einem phänomenalen Blick über den Baikal belohnt. Dann geht es Bergab ... vorbei an sibirischen Blumenwiesen und einsamen Bächen, deren Überquerung durch kleine Brücken aus Holzplanken ermöglicht ist.....




bis wir dann wieder am Fusse des Berges direkt auf das Ufer des Baikal stoßen. Glasklar und bis zum Horizont. Eigentlich mehr Meer denn See. So fühlt es sich zumindest an während wir vom Geräusch von Möven begleitet den Weg fortsetzten. Jetzt entlang der Steilufer des Baikal...einfach phänomenal.




Ein wenig später.......Noch immer stehe ich am Ufer ..in meiner Unterhose...bibbernd und schwitzend zugleich und schaue Clement zu wie seine Füsse 100 werden. Ich renne los und springe mit leeeeeicht erhöhter Stimme in den eiskalten Baikal aus dem ich 5 Sekunden später wieder auftauche um gelassen zu Clement zu rufen, dass es doch gar nicht so kalt sei.




Um sicher zu gehen, dass ich auch 100 werde, springe ich gleich nochmal rein. Is ja jetzt eh egal. Schwimmen im grössten und tiefsten Süßwassersee der Erde, der übrigens etwa 1/5 allen Süsswassers der Erde beherbergt. Erfrischend. Statistisch gesehen ist also jedes 5te Glas Wasser, dass ihr trinkt schon mal mein Badewasser gewesen. Prost......


Nach dem Schwimmen übernimmt Clemens mit einem sportlichen Tempo die Rolle des Guides, der ein wenig Angst hat, die Fähre nicht zu bekommen. Der Weg hat es aber in sich. Die Bergschuhe machen sich bezahlt. Immer wieder ist der Weg kaum befestigt oder rechts des schmalen Pfades geht es 40m in die Tiefe. Aber die Aussicht und Natur sind atemberaubend und ich möchte eigentlich direkt in den Baikal springen, der von hier oben bei strahlendem Sonnenschein an das Mittelmeer erinnert.







Wir schaffen die Fähre und haben Dank des Tempos auch noch ein wenig Zeit in Bolshoye Kote. Ein kleines sobirisches Fischernest mit ein paar Häusern, keine richtigen Strasse und freilaufenden Pferden. Ruhe pur. So wie man sich so ein sibirisches Dorf eigentlich vorstellt. Hier und da ein kleines Schiffswrack, ein bisschen Hundegebell von den Huskies im Garten der Anwohner und das plätschern der kleinen Wellen des Baikal, die am Kiesstrand branden. Schönes Sibirien.




Ich bin wieder zufrieden. Danke Clemens und Alessia für die schönen Tage in Irkustk und am Baikal. Ohne euch wäre es sicher anders in Erinnerung geblieben.




Infos für Weltenbummler: Die Maschrutkas benötigen etwa 1 Stunde vom zentralen Busbahnhof in Irkutsk nach Listwijanke. Es steht nicht immer etwas dran...und die Maschrutkas fahren meist erst, wenn sie voll sind. Russisch Kenntnisse sind hier sicher sinnvoll.

Der Great Baikal Trail ist in Listwijanke nicht ausgeschildert. Hinter einem großen Hotel muss man die erste Straße links nehmen. Dort etwa 40 Minuten geradeaus laufen.....Es geht durch ein ziemlich heruntergekommenes Wohngebiet und hätten wir Alessia nicht gehabt, hätten wir sicher gedacht wir sind falsch. Einfach immer Gerade auslaufen. Irgandwann kommt ein kleines Häuschen am Waldrand wo man das Preit erhält.

Die Fähre von Bolshoi Kotye muss man vorher im Internet buchen. Ein Ausdruck ist nicht erforderlich. Es reicht das vorzeigen des Tickets (Mail) auf dem Handy. Der Preis war bei uns 1200 Rubel (Achtung hier nicht den Kindertarif buchen....der kostet die Hälfte). die Fähre braucht etwa 1,5 Stunden zurück nach Irkutsk. Sie legt dort in einem sehr weit außerhalb gelegenem Bezirk an. Von da braucht man ein Taxi oder am Besten Uber. Die Fähren fahren 17: 30 Uhr und 18:30 Uhr von Bolshoye Kotye ab.

Ein Aufenthalt in Listwijanke kann ich eher nicht empfehlen...es ist ein recht heruntergekommener Touriort ohne wirklich Schönheit.

In Bolshoye Koty gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten, die man über Booking buchen kann.

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