• Sascha @ YOLO andersWO

Nur 10 Worte - Kazan

Aktualisiert: 10. Juli 2019

Es ist 6 Uhr morgens und die erste Nacht auf der Transsib von Moskau nach Kazan liegt hinter mir. Wir sind noch zu zweit im 4er Abteil der 2ten Klasse. Leider ist mit meinem Kollegen nicht so wirklich eine Kommunikation möglich. Er spricht kein Englisch – ich kein russisch und er liest sowieso viel Zeitung. Ich biete ihm Tee und Kekse an, doch er lehnt dankend ab. Er ist auch noch nicht ganz wach.






Ganz anders waren das Pärchen, dass gestern Abend noch im Abteil war. Nach kurzem Abtasten spricht mich Aleksej an. Auf Russisch natürlich. Meine Antwort in Englisch versteht er nicht. Ich glaube aber er will wissen wo ich herkomme und wo ich hinfahre. »Nemetzky« (deutsch) und »Kazan« gebe ich ihm zu verstehen. Da kommt Marscha wieder ins Abteil – seine Frau wie ich später erfahre. »Ahhh deutsch!«, kommt sie mir entgegen und setzt sich neben mich auf meine Pritsche. »Ja« antworte ich freudestrahlend. »Ich kann ein wenig deutsch. Aus der Schule. Aber lange her« gibt sie mit tollem russischen Akzent und viel Pausen zum Überlegen zu verstehen.


Die beiden sind Ärzte. Ein Chirurg und eine Internistin. Ich glaube die meisten Ärzte reisen in Deutschland nicht so. Sie haben Ihre Tochter zur Hochzeit in Moskau besucht. Sie ist natürlich Zahnärztin. »Dann ist ja für alles gesorgt«, sage ich und zeige mit erhobenem Daumen auf Zähne und Körper. Sie lachen. »Menja savut, Sascha«, sage ich und stelle mich vor. Nachdem die beiden sich vorgestellt haben, schaut mich Aleksej verdutzt an: »Sascha?! …russkye!« freut sich und gibt mir zu verstehen, dass ich einen russischen Namen habe. So langsam gewöhne ich mich an diese Reaktion. Ich nicke und er freut sich. Ich erzähle Ihnen, dass ich in Ostdeutschland geboren bin und nach einem Russen benannt bin. Sie wollen wissen, wohin ich nach Kazan reise. »Ich reise um die Welt«, sage ich.






Leider reichen die Deutschkenntnisse dann doch nicht so weit, um das verständlich zu machen und das Gespräch zu vertiefen. Also zeige ich die Karte auf meinem Handy und fahre Punkt für Punkt die Mongolei, China und Nepal ab und zeige dann einen runden Kreis. Sie scheinen zu verstehen und freuen sich. »Und in Russland?«. Ich zähle auf: »St. Petersburg, Moskau, Kazan, Jekaterinburg, Novosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk». »Ahhhh, Krasnojarsk! Sehr schön, meine Schwester wohnt da.«, meint Marscha, kramt ihr Handy raus und zeigt mir die gesamte Familienchronik - Inklusive aller Töchter, Cousins, Tanten, Enkel und auch die Hochzeitsvideos. Wirklich toll. Also bin ich dran mit Familienfotos. Papa, Mama, Brüder, Tante alles wird gezeigt und bestaunt. Und auch das Foto meiner Freunde im Kölner FC Stadion wird gezeigt. Das Foto habe ich zum Abschied von Ihnen bekommen und das reist auch mit.



So können wir uns gut eine Stunde unterhalten. Mit ein paar Brocken, deutsch, russisch, Händen, Füßen und Google Übersetzter. Über Deutschland, Russland, den Altersunterschied der beiden von knapp 20 Jahren (er 65 – sie 45!), das Reisen, die Welt, das Arzt sein. Bis im wir uns dann doch schlafen legen und uns das Beste wünschen.


Zurück am Morgen….Mein erst nicht so gesprächiger Abteilgenosse sitzt mir noch immer lesend mit seiner Zeitung gegenüber. Er scheint jetzt auszusteigen. Ich frage ihn, ob Kazan die nächste Station sei. Er gibt mir zu verstehen, dass es die übernächste Station ist. Jetzt scheint er wach zu sein und sein bisher recht düsterer Blick weicht einem breiten Lächeln. Ich würde ihn auf 40 schätzen. Er fragt mich wieviele Tage ich in Kazan bleibe. »Skolko? Adin, twa?« Die Worte kenne ich – imaginärer Schulterklopfer für mich :-) »Twa (zwei)« gebe ich ihm zu verstehen. »Kazan. Beautiful City» ergänzt er und strahlt.


Mit einer rollenden Handbewegung fragt er mich stumm, wohin es danach geht. »Jekaterinburg«. Er erwidert »Ahhh….Wladiwostok? Njet?«. »Njet. Irkutsk …Ulan Bator» gebe ich ihm zu verstehen und zeige ihm mit einer Handbewegung, dass ich wohl vor Wladiwostok in die Mongolei abbiege.


Er sieht etwas enttäuscht aus, aber kramt daraufhin in seiner Sporttasche und holt ein großes in Folie eingepacktes Paket heraus. Reißt es auf und drückt mir eine ca. 300 g schwere Plastikschale in die Hand. »Wladiwostok« sagt er. Ich schaue auf den Becher. Das ist ein riesen Paket Kaviar und schaue ihn begeistert an. »Wladiwostok« wederholt er mit breitem Lächeln. »Spasiba, Spasiba« bedanke ich mich und bin ganz Perplex. Die Großzügigkeit der Russen sucht tatsächlich seines Gleichen.







Das Paket habe ich nach 5min Gespräch von einem Mann bekommen mit dem ich nicht einmal 10 Worte getauscht habe. Unfassbar.

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