• Sascha @ YOLO andersWO

Verirrungen und das verlassene Café - Jodhpur, Indien

Aktualisiert: Mai 25

Ich schleppe mich leicht müde um 4 Uhr morgens zum Zug von Jaipur nach Jodhpur. Der Bahnsteig ist voller Affen, die mich begrüßen. Mmhhhh…Alles irgendwie normal. Ich merke, dass ich mich mittlerweile recht schnell an die Gegebenheiten anpasse, die um mich herum passieren. Gegebenheiten ist dabei genau das richtige Wort. Ich nehme sie als gegeben hin und hinterfrage auch gar nicht so viel. Auf der einen Seite macht das den Alltag auf Reisen leichter, birgt aber die Gefahr für mich abzustumpfen und nicht wie gewünscht die Welt mit offenen Augen und wenn möglich staunend mit offenem Mund zu begegnen.

Affen am Bahnsteig. Normal und trotzdem schön und anders. Genauso schön, vertraut und trotzdem anders wie die letzten Abende, die ich mit einer Gruppe Spaniern verbringen durfte. Ich habe die vier im Hostel kennengelernt. Sie sind gemeinsam auf Urlaub und kennen sich noch von der Schule und wir beschließen gemeinsam den Abend bei einem Essen zu verbringen. Ganz vertraut in spanischer Manier natürlich: Es wird gemeinsam bestellt und geteilt, so dass jeder von allem probieren kann. Selbst das Bier wird gemeinschaftlich aufgeteilt. Einfach schön.


Die vier erzählen mir, dass sie heute weit verstreut in der Welt sind und sich nur einmal im Jahr sehen. So wie jetzt. Jane ist die Einzige, die noch in Spanien wohnt. Das Pärchen, dessen Namen ich leider vergessen habe, lebt in Indien. Sam wohnt in Dhaka. «Dhaka in Bangladesch? Echt jetzt?« frage ich. «Ja.« «Genau da will ich ja noch hin!« platzt es freudestrahlend aus mir heraus. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es in Bangladesch so gut wie keine Ausländer, geschweige denn Tourismus gibt. Und ich treffe im Hostel irgendwo in Indien einen Spanier, in meinem Alter, der auch noch super nett ist und mich nach Dhaka zu sich einlädt.

Da ist sie wieder die unsichtbare Hand, die mich führt, denke ich, grinsend. Irgendwie wieder am richtigen Ort auf der kleinen Dachterrasse des Restaurants in Indien.




Den richtigen Ort zu finden, ist aber manchmal gar nicht so einfach, wie mir das Pärchen, dessen Namen mir immer noch nicht einfällt, aufzeigt. Er ist Ingenieur und sie Yogalehrerin in Mumbai. Für beide wird dieser Ort jedoch so gemeinsam nicht bestehen bleiben. Denn sein Ort der Zukunft soll bald Deutschland sein. «Ich habe dort eine tolle Stelle« meint er. «Wo denn? München, Berlin, Köööölln??? « frage ich natürlich neugierig, wo es den Weltenbummler, der schon in 3 Ländern gelebt hat nach der Weltstadt Mumbai hinzieht. Die trockene Antwort:

«Kiel«.

Okayyyy…..Mmmh….Ich will nicht sagen, dass ich irgendwie überrascht bin oder enttäuscht aber irgendwie ….schon. Ich schlucke ganz kurz und nehme auch das als Gegebenheit hin. Ich mag Kiel tatsächlich ganz gern….nur scheint mir der Kontrast zu Mumbai etwas groß. Entsprechend pflichtbewusst meinem Gewissen folgend weise ich ihn daher auch genau darauf hin, dass «Kiel schon eeeeetwas ruhiger ist, als Mumbai«. Aber auch das beirrt ihn nicht. Naja, gemeinsam mit Verlobter Freundin ist wohl jeder Ort der Richtige, denke ich noch bei mir, als ich sie frage, wie sie das mit Kiel sieht.

«Ich brauch mich gar nicht umstellen. Ich bleibe hier. In Indien.« grinst sie. «Okaaaaayyyy.«, jetzt nehm ich mal nen Schluck vom Bier. «Du bleibst hier?« «Ja. Ich habe mein Yoga Studio und ja auch Freunde hier«. «Ja klar. Nachvollziehbar.« denke ich. Und ich ertappe mich irgendwie selbst bei dem alten Weltbild, dass der eine Partner dem anderen auf Schritt und Tritt folgen muss. Insbesondere wenn die Männer, wie auch ich in der Vergangenheit, einen neuen Job in einer anderen Stadt annehmen.


Sie hat sich eine Selbständigkeit in einem fremden Land aufgebaut. Schwer genug. Das wirfst du nicht einfach weg. Und beide scheinen damit auch vollkommen im Reinen zu sein, auch wenn sie wohl wissen, dass sie weit voneinander getrennt sind und das kein Zuckerschlecken wird. «Viiiiiiielleicht ist es aber auch einfach nur Kiel, und sie weiß, dass er es da nicht lange aushält«, denke ich in mich schmunzelnd auf der anderen Seite.


Irgendwie ziehe ich diese besonderen Menschen für mich auf dieser Reise an. Menschen mit anderen Lebensentwürfen, die mir immer wieder die Augen öffnen, dass es irgendwie auch anders geht. Die sich einen Dreck um Weltbilder und Konventionen kümmern. Sie hören tatsächlich nur auf sich und ihr Gefühl. Leben hier und da, dort wo sie Ihren Träumen und Bestrebungen folgen können. Wenn auch nur vorübergehend. Vielleicht ziehe ich sie an, weil ich es will, weil ich da hingehöre.

«Gehe nicht dorthin, wohin der Weg dich führt, gehe stattdessen wo noch kein Weg ist und hinterlasse deinen eigenen.« Ralph Emerson


Was diese Menschen vor allem für mich verbindet, ist, besonders eines für mich: Ihr Mut.


Gerade als Frau allein in Indien ist tatsächlich nicht ganz so ohne, wie mir einige Backpackerinnen, die ich treffe, mit auf den Weg geben. In den Großstädten und Tourizentren, wie Rischikesh oder Delhi ist da kein Problem. Aber in den untouristischeren Gebieten und spät abends wohl durchaus ein Thema. Jede, die ich treffe, hat tatsächlich eine Geschichte zum Besten zu geben, in der Sie aufdringlich unaufdringlich von Männern in Indien verfolgt worden sind. Zwar ist außer Taschendiebstählen nicht wirklich ernsthaft jemand zu Schaden gekommen und doch sind die meisten Backpackerinnen, die ich in Indien treffe, mittlerweile in kleinen Frauengruppen unterwegs und greifen eher auf Privatfahrer, denn auf den Zug zurück. Obwohl ich natürlich…wie soll es auch anders sein…die Mutigen allein reisenden Frauen treffe. Wie Annalisa.

Wie ich mit Annalisa anfangen soll weiß ich auch nicht so recht. Also fange ich an wie sie. Direkt.

Ich bin immer noch müde von der morgendlichen Zugfahrt und beschließe heute einen Relax Tag nach der Ankunft in Jodhpur einzulegen. Ich setzte mich in ein Café und will mal wieder entspannt die Erlebnisse der letzten Zeit verarbeiten und am Blog schreiben. Heute gibt es nur Kaffee, Tee, Ruhe und Schreiben. Und ich bin der einzige Gast auf der wirklich schönen Dachterrasse mit Blick auf die Festung über der Stadt. Herrlich. (Das auf dem Foto ist tatschlich im Café kurz bevor alles passiert und ich habe keine Ahnung warum ich das Foto gemacht habe.)




Ich folge meinem Ritual. Laptop auf. Kopfhörer ins Ohr. Meine Playlist an und versinke in meinen eigenen Geschichten. Ich finde es ehrlich gesagt mittlerweile soooo erfüllend und anders in den eigenen Geschichten zu versinken. Den EIGENEN Geschichten. Ich erinnere mich dann oft zurück an eines der ersten Videos, dass ich von mir selbst mit gerade neu erworbener Gopro im Januar 2019 vor meiner Reise gemacht habe.

Der ursprüngliche Plan war mal YouTube Videos meiner Reise hochzuladen, aber irgendwie bin ich beim Schreiben gelandet, weil ich da auch und gerade den inneren Blickwinkel besser teilen kann. Es kommt eben immer anders.

Und da sitze ich nur wenige Tage nach der Trennung von meiner Ex-Freundin vor der Kamera. Gut 6 Monate vor meiner Reise. Den kurzen Tagen nach der Trennung, die noch recht klar in meiner Gedankenwelt für mich und meinen neuen Weg waren, bevor das innerliche emotionale Chaos der Trennung doch über mich hereinbrach und die klaren Gedanken nicht mehr ganz so deutlich auszumachen waren. Nur das große Ziel -die Reise -hat mich auf Spur gehalten und meine lieben Eltern, Brüder und Freunde natürlich.

Es ist ein Monolog, den ich halte,…. an mich. Mein zukünftiges Ich und sitze dabei in der alten gemeinsamen Wohnung vor dem riesigen 65 Zoll Fernseher. Der Fernseher, der den Mittelpunkt jeden abends und manchmal auch jeden Wochenendes dargestellt hat. Dick und Mittig platziert - alle Möbel im Wohnzimmer daran ausgerichtet, den Esstisch mal ausgenommen. Der Mittelpunkt der Möblierung und der Mittelpunkt des gemeinsamen Alltagslebens, wie mir schien. Heimkommen von der Arbeit, ein kurzes «Hallo« und dann die neueste Serie oder Film als Highlight oder vielleicht auch Streitpunkt. Wie auch immer. Da sitze ich nun. Der Fernseher hinter mir, 3 Tage frisch gebackener Single und die ausgebreitete Weltkarte mit aufgemalten Zielkreuzchen der anvisierten Länder vor mir (Link Blog Wohin will ich reisen?) und mir wird klar:

«Ich will einfach kein Zuschauer mehr sein.«

sage ich laut zu mir und drehe mich zur riesigen Mattscheibe. «Ich will meine eigenen Abenteuer schreiben und dieses Leben erleben.« (Link Blog Warum Weltreise) Etwas melancholisch schaue ich auf diese so richtigen und wichtigen Sätze und Treiber für mich zurück als eine ziemlich gut aussehende Brünette mit strahlend weißem breiten Lächeln hinter meinem Laptop winkend auftaucht und mich aus der gut 9 Monate zurückliegenden Vergangenheit direkt ins Jetzt an meinen kleinen Tisch auf der Dachterrasse in Indien katapultiert.

Sie sitzt bereits. Mir gegenüber. Im leeren Café …mit gut 30 weiteren Sitzplätzen. Etwas verdutzt aber sicherlich nicht verärgert, nehme ich meine Kopfhörer raus.

«Hi!« begrüßt sie mich und beugt sich zu mir über den Tisch. «Wäre es okay, wenn wir uns die Steckdose teilen?« lächelt sie mich an. «Alles was du willst« denke ich, als ich mich immer noch etwas verdutzt nach Steckdosen umschaue. Es ist tatsächlich die einzige Steckdose im ganzen Café. Und ich hänge dran…. mit meinem Laptop. «Ich muss mein Handy aufladen.« ergänzt sie weiter grinsend in Ihrem weißen leichten Kleid, das sicher hilfreich bei der Hitze ist, denn es hat gut 35 Grad. Sie wirkt zumindest ziemlich cool. «Klar. Kein Problem.« antworte ich. Vielleicht nicht ganz so cool. «Ich habe auch einen Verteiler. Dann können wir die Dose zusammen nutzen« meint sie mit leuchtenden Augen - fast enthusiastisch. Mir war bisher nicht bewusst, dass man eine Verteilersteckdose so enthusiastisch anpreisen kann. Man kann. Sie kann.

Natürlich hält die indische Leichtbausteckdose der ungeheuren Masse unserer beiden Ladegeräte nicht Stand und fällt bei jedem weiteren gemeinsamen Versuch die Ladekabel mit viel Fingerspitzengefühl und in Zeitlupengesten in Position zu halten, fast auseinander. Also überlasse ich Annalisa die Steckdose.

«Danke dir! Macht es dir was aus, wenn wir uns so lange den Tisch teilen?« fragt sie weiter grinsend. «Klar. Kein Problem.« «Habe ich das gerade nicht auch schon geantwortet?« denke ich bei mir.


«Dein Wortschatz ist für jemanden der Blogs schreiben will, wirklich immens, Sascha«

und haue mir gedanklich selber mit der flachen Hand gegen die Stirn.

«Ich sollte weiter meinen Blog schreiben«…sagt mir mein Hinterkopf, während meine linke Hand bereits den Laptop zuklappt. «Der Akku hält eh nicht mehr lange.« revidiert mein kognitiver Teil des Hirns und rechtfertigt so die Entscheidung meines Kleinhirns, den Laptop eigenmächtig zu schließen.

Kleine Zwischeninfo: Das ist übrigens der Grund warum die Blogs immer so lange dauern. Nur das ihr das mal wisst. Ich meine ich hätte weiterschreiben können, aber irgendwie haben meine Gliedmaßen unabhängig von meinem Pflichtgefühl ein Eigenleben entwickelt.

«Hi, I am Sascha. What’s your name?« «And where are you from?«, frage ich. Hey…zumindest die Backpackerstandardfragen bekomme ich noch auf die Reihe. Aber die reichen und wir kommen ins Gespräch.


Anna ist Italienerin aus Verona. Übrigens eine meiner Lieblingsstädte in Italien. Erst im Februar hat es mich geschäftlich glücklicherweise nach Verona verschlagen. Ein echter Traum, wenn die Gassen der Stadt noch fast ohne Touristen sind und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen das Gemüt erhitzen. Ein Traum und eine echte Empfehlung fürs Frühjahr mal ganz nebenbei.

Anna ist Notfallkrankenschwester und für einen Lehrgang und eine internationale Konferenz in Delhi hier. Jedoch ist sie irgendwie keine so ganz normale Krankenschwester. Sie arbeitet für Ärzte ohne Grenzen und war schon so gut wie überall auf der Welt und gerade da wo es richtig weh tut. Da wo die Hilfe am Nötigsten ist und sonst keiner hingeht.

Wo zum Beispiel? Die letzten Jahre war Anna vor allem in Afrika unterwegs, um gegen Ebola und Malariaepedemien zu kämpfen. Alternativ ist sie auf Schiffen im Mittelmeer, um bei der Flüchtlingsversorgung zu helfen oder einfach in Kriegsgebieten. Sie erzählt von der Politisierung der Hilfsmedizin, gerade im Mittelmeer bei der Flüchtlingshilfe wo sie nach Indienreise wieder hinsoll. «Ich will da gerade echt nicht mehr hin. Man kann da gar nicht richtig helfen. Ich will wieder nach Afrika, wo ich den Menschen wirklich helfen kann und ich nicht von Bürokraten zerpflückt werde. Da weiß man wenigstens, was man hat.«

Ich dachte solche Menschen gibt es nur im Fernsehen.

Aber ich habe auf dieser Reise ja schon einige solcher besonderen Menschen kennen lernen dürfen, wie Andreas, den Autor der prämierten Dokumentation «Ungleichland« (Link Blog Moskau), die es sonst scheinbar nur in der Flimmerkiste gibt. Was ich dabei aber immer feststelle, wenn ich diese Menschen treffen darf, ist, dass es alles Menschen sind, mit Träumen, Ängsten, guter und schlechter Laune…nur sind sie eben ziemlich tolle Menschen mit faszinierenden Ambitionen.

Anna gehört dazu und beeindruckt mich vom ersten Moment. Sie strahlt eine Wärme, Enthusiasmus, Hilfsbereitschaft, Stärke, Neugier und Lebensfreude in einem Atemzug aus, wie ich sie nur bei wenigen Menschen bisher sehen konnte. Ja, jemand wie im Fernsehen, der sich gerade zur mir gesetzt hat. Ach so,…ja sie sieht auch noch ziemlich gut aus. Ganz ehrlich….ich frage mich in solchen Momenten schon manchmal innig, wie das sein kann. Gerade in leichter Melancholie aus vergangenen Zeiten, übermüdet und genervt von den Indern und zack wird mir so jemand an den Tisch gesetzt.


Ist der wirkliche Zufall? Wegen einer Steckdose? Ernsthaft?!

Und dann fragt sie:

«Lass uns doch den Tag zusammen verbringen! Ich habe noch nichts von der Stadt gesehen«. «Ich auch nicht« antworte ich. «Perfekt!« ist die gemeinsame Antwort, die in Lachen übergeht.


«Das wars dann mit dem Blog schreiben«, flüstert mir das kleine Männchen aus meinem Gewissen zu und dreht sich etwas enttäuscht auf meiner Schulter um, während alle anderen Männchen, die so in meinem Kopf herumschwirren, recht gut gelaunt eine Party für den bevorstehenden Tag mit Annalisa planen.

Und schon finden wir beide uns in den Gassen Jodhpurs wieder, deren Fassade der Altstadt in kräftigem Blau erstrahlen. Jodhpur ist die blaue Stadt. Alle Gebäude sind blau gestrichen. Die Gassen sind eng und immer wieder steigt uns, der für Indien üblich, aufkommende beißende Abfallgeruch gemischt mit den Fladen der Kühe, die Seelenruhig die Straße säumen in die Nase. Und doch gibt das intensive und allumgebende Blau der umstehenden und wohltuend schattenspendenden Gebäude ein beruhigendes und positives Gefühl.





Wir erkunden die Altstadt, so wie ich es mag: Ohne Plan und Zeitgefühl. Wir laufen drauf los. Ich liebe diese Art einen Ort zu erkunden. Du siehst auf jeden Fall nicht alles und verpasst wahrscheinlich auch die Dinge, die jeder gesehen haben, sollte. Das was ich dafür aber meist bekomme, sind die Geschichten, die nicht jeder erzählen kann, und die kein tausendfach wiederholter Schnappschuss derselben Sehenswürdigkeit wiedergeben kann.




Und so verlieren und verirren wir beide uns gewollt ungewollt im himmelblauen Straßengewirr, das oft nur Durchgang für einen von uns bietet und gern in einer kleinen Sackgasse endet und wir ein Paar kleine Jungs nach dem Weg fragen müssen, als uns doch keine andere Möglichkeit mehr bleibt.

Die geben uns winkend und grinsend zu verstehen geben ihnen zu folgen, wir schauen uns beide fragend an, lachen, und folgen neugierig dem Kinderlachen. Die führen uns nicht etwa in Richtung der Festung über der Stadt, die wir beschlossen haben zum Sonnenuntergang zu erklimmen. Nein. Sie stoppen an einem der blauen Häuser. Warten auf uns und winken uns fordernd um die Ecke des Eingangstors des Hauses herein, wo uns schon die kleine Schwester der beiden Brüder in bunt leuchtendem Kleid mit Strass bestickt über beide Wangen strahlend und langen «Helllloooo« begrüßt.

Wir sollen reinkommen. Die Treppe rauf. Winkt uns der ältere der beiden Brüder zu. «Gibt es hier denn keine Erwachsenen?« frage wir uns und gehen langsam uns nach elterlichem Beistand umschauend Schritt für Schritt in den nach oben offenem Innenhof des Familienhaus.


«Come up. Come up« winkt einer der Jungen mich weiter hinauf.




Während Anna bereits hüpfend und freudestrahlend am Arm geführt von einer anderen etwas älteren Schwester in Ihr Kinderzimmer geleitet wird, um gegenseitig Kleider und Schmuck zu betrachten. Mich führen die Jungs in den nächsten Stock, in dem ich in der Küche dann doch die Mutter und Großmutter des Hauses erblicke und Ihnen ein kopfnickendes und nach Eintrittserlaubnis fragendes «Namaste« zurufe. Zu meiner Erleichterung antworten die Beiden Damen des Hauses mir breit lachend und mit dem obligatorischen Kopfwackeln, was in Indien soviel wie «Ja« oder «Okay« bedeutet, während sie weiter Teller spülen. Da werde ich schon von den Jungs an beiden Armen gezogen, dem ich nichts entgegen zu setzen habe in Ihrem kindlich hüpfenden Enthusiasmus …nach oben auf die Dachterrasse. Durch einen engen kleinen Treppenaufgang geleiten sie mich hinauf, um mir ihr Ziel zu zeigen.

Den Blick von Oben über Ihre blaue Stadt, den die Beiden mit ausgebereiten Armen und laut lachend unterstreichen. Annalisa folgt bereits mit Schmuck behangen mit den Schwestern und lacht ausgelassen.




Wir bleiben noch eine Weile, werden von den Kids in nahezu jeden Raum des Hauses geführt und bekommen so einen Einblick in das Leben der Familie. Ein einfaches Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Eine Feuerstelle und Kochofen. Offene Fensternischen im massiven Stein des Hauses. Und doch geben die farbenfrohen und teils aufwendig verzierten metergroßen Tücher jedem Raum ein besonderes Flair. Bunt und froh, wie die Kids.

Zum Abschied schenken uns die Schwestern noch ein paar kleine Anhänger. Was wir mit ein wenig Taschengeld für die Geschwister vergelten, bevor die Jungs uns noch auf den Weg Richtung Festung bringen und dann genau wie sie aufgetaucht sind, kichernd davonrennen und «Byeeeee« in vollem Galopp in unsere Richtung rufen.




Genau diese Momente der planlosen Verirrungen meine ich, die dann entstehen.

«Nimmt man das Willkürliche aus dem Leben und Handeln und Verfahren hinweg, so hat man das Beste hinweggenommen.« Johann Wolfgang von Goethe.

Und deswegen machen wir auch genauso weiter. Das Gassengewirr lässt uns so einfach nicht los. Wir nehmen einfach die Wege, die irgendwie aufwärtsführen, um die Festung zu erklimmen.




Logisch, oder? Für Inder irgendwie nicht, so dass wir zwar am Fuße des Berges zur Festung ankommen, jedoch von einem echten Weg nicht so wirklich die Rede sein kann. «Wir schauen einfach, ob wir hochkommen« und das tun wir auch. Beide in Flipflops immer unserem Ziel entgegen, mit einem kühlen Glas Wasser oben auf den Eingang der Festung anzustoßen.




Schweißtriefend, aber gut gelaunt und in freudiger Erwartung uns im Schatten des Forts zu laben, überqueren wir die letzten Meter zur Festung. «Ein Tor. Das muss es sein.« Nur ist das leider verschlossen. Ach ja, das mit der Logik ist bei 35 Grad irgendwie so eine Sache….Da wo kein weg hinführt ist eventuell auch kein Eingang für Touristen. Aber darauf kommen wir irgendwie erst später.


«Vielleicht ist der Eingang auf der anderen Seite?« meint Annalisa und schon hangeln wir uns getreu unsere bisherige Vorgehensweise entlang der meterhohen Festungsmauer durch das dichte Gestrüpp entlang des Berges. Hat ja bisher auch Spaß gemacht. Einen wirklichen Weg gibt es natürlich nicht. Über einen rutschenden Dreckhügel kämpfen wir uns mehr schlecht als recht auf allen Vieren nach oben auf die andere Seite der Festung.

Als mein Kopf über die letzten steinigen Abschnitte ragt und sich meine Lungen nochmal mit Stab füllen, komme ich mir vor wie Tarzan der aus dem Dschungel steigt und das erste Mal die Großstadt zu Gesicht bekommt. Noch im Dreck stehend erwartet uns ein blitzeblanker marmorierter Vorplatz zur Festung, der gesäumt von Reisebussen und entsprechenden Busladungen gut gekleideter Touristen in weißen Hemden nur so wimmelt. Wir – die Westler – sehen in unserem mittlerweile angestaubten und durchgeschwitzten Dress nicht mehr ganz so tauffrisch aus. Eine andere Welt aus der wir gerade kommen. «Das hätten wir wohl einfacher haben können«, geben wir zu Protokoll und lachen, während uns ein Inder fragt, von wo wir denn plötzlich aufgetaucht sind.

Wir haben uns die Toilette und die Besichtigung der Festung auf jeden Fall redlich verdient, was den Schatten in der Festung und das damit verbundene Gefühl deutlich ins Positive verschiebt. Wären wir aus dem klimatisierten Reisebus gestiegen… die Festung wäre wohl nicht so erfrischend und schön in Erinnerung geblieben.


Man kann sich eben auch kleine Abenteuer schaffen, wo generell keine Notwendig wären.

Macht aber dann meist mehr Spaß als von der überkalten Klimaanlage im Bus zu berichten.







Auf einer kleinen Anhöhe gegenüber der Festung schauen wir uns den Sonnenuntergang über der blau strahlenden Stadt an. Die Wolken reißen auf für uns, wenn auch kurz, wird der Himmel magisch mit einem blutroten Licht durchflutet, während Anna neben mir auf den Felsen sitzt.






«Du musst unbedingt weiter Menschen so motivieren oder Coach werden. Du inspirierst Menschen.« meint sie zu mir während sie ganz nebenbei mich inspiriert. Ich kann es mir gerade ehrlich gesagt nicht besser vorstellen und irgendwie habe ich gerade so einen Klick Moment. Für Anna. Und dann merkst du ganz oben am Höhepunkt, dass sie nen Freund hat.

Okay….Emotionaler Schlag in die Leistengegend,

der mich im selben Moment überraschenderweise auf dem Felsen im Sonnenuntergang trotzdem nicht so traurig stimmt.


Denn mir wird doch tatsächlich schlagartig etwas klar:...über mich. Ich kann mich wieder einfach auf jemanden einlassen. Okay...auch wenn das vielleicht gerade am Ende einseitig herausläuft, muss ich selbst sarkastischem Gesichtsausdruck revidieren..... Aber es gibt sie wieder diese echten Klick Momente, von denen ich mir nicht ganz sicher war, ob es sie so in Reinform, ohne jegliche Einschränkungen, das da irgendwas nicht passt, dem schönen Geschlecht gegenüber so für mich geben wird.

Es geht also, dass ich einfach jemanden so toll finde. Auch wenn ich tolle Frauen getroffen habe, war immer irgendetwas im Weg. Innerlich für mich. Mich uneingeschränkt auf jemanden einzulassen, ohne das Gefühl, jemanden zu verletzen oder wieder durch das emotionale Chaos einer Trennung gehen zu müssen.


Ohne all diesen Tiefen, ist der Höhepunkt zwischen zwei Menschen aber nicht drin. Wenn ich nicht so gelitten hätte, hätte ich sicher nicht geliebt. Das zu sagen, ist einfach. Das zu begreifen, eher nicht.


Annalisa hat mir gezeigt, dass es geht. Einfach so.

Einfach so, kommt wieder glückliche Hand und setzt sich im leeren Café vor dich. Einfach so. Ohne Vorwarnung, ohne Tinder, Parship und Co. Du musst es dann nur zulassen. Und das lässt mich in die Zukunft lächeln, der wärmenden Sonne entgegen über der himmelblauen Stadt auf dem Felsen mit Annalisa.




Ach so......uuuuuuunnnddd.........Bisher fand ich es manchmal blöd, sich so ganz allein in ein Café zu setzen.


Jetzt kann ich es ehrlich gesagt gar nicht erwarten, was die Welt im nächsten verlassenen Café für mich bereit hält.

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