• Sascha @ YOLO andersWO

Zwei zum Verlieben und Romantik in der Hocke - Wüste Gobi, Mongolei

Ich sitze vor meinem Rechner im Zug nach Peking und überlege seit Stunden was ich schreiben soll über meine Erlebnisse in der Gobi. Vor allem wie ich das alles zusammenfassen soll. Eine Woche konnte ich ohne Strom nicht schreiben und habe doch so viel wertvolles erlebt, phänomenale Menschen getroffen und die große Weite gesehen, die ich sehen wollte.


Ich bin mit einem Schafhirten allein durch die Steppe geritten, bin durch die Wüste auf Kamelen, Stand auf riesigen Sanddünen, habe tatsächlich eine Fatamorgana gesehen, neben einem noch blutenden Schafskopf geschlafen, ein Paar getroffen, die ich gern als Vorbild hätte und die Milchstraße mit bloßem Auge gesehen, mit Nomaden im Ger (der eigentliche Name für Jurte) gesessen und vergorene Stutenmilch getrunken, mit einem kleinen und großen Mongolen Gitarre gespielt, samt Auto im Schlamm versunken und habe unverhofft ein wunderschönes Lächeln geschenkt bekommen. Wo fang ich an?!?! Vielleicht ganz oben. Ganz ganz oben… auf der Düne…


Der Wind ist gespickt mit kleinen Sandkörnern, weht mir aber ganz weich ins Gesicht. Ich sitze auf meiner 300m Düne in der Wüste Gobi…ganz im Süden der Mongolei. Allein und nur für mich. Das eine Bein links den Hang der Düne hinabbaumelnd …das andere rechts. Ich bin geschafft vom Aufstieg, der dann doch etwas anspruchsvoller war als gedacht.

Gerade weil ich mir natürlich immer die Düne aussuchen muss, wo kein anderer hingeht. Steil bergauf geht es. Immer wieder schleiche ich Teils auf allen Vieren im Zick Zack die Düne zwei Meter hoch, um dann wieder einen Meter zurückzurutschen, wobei sich geräuschvoll kleine Sandlawinen lösen. Klingende Sanddünen, so heißen die Dünen von Khongor Els auch, da der Sand ein bienenschwarmartiges Geräusch von sich gibt, wenn er einmal ins Rollen kommt.


Ich atme noch tief und schwer und halte inne als ich oben angekommen aufschaue und über ein Meer von Sanddünen hinter mir und ein saftig grünes Tal durchzogen mit Flüssen sehe, dessen Ende ich in der Ferne mit bestem Willen nicht erkennen kann.








Zwischendrin sehe ich ganz klein, die großen Herden von Kamelen und Pferden im Grün. Hier und da eine Ansammlung von Gers – so heißen die uns bekannten Jurten in der Mongolei eigentlich.


ICH BIN GLÜCKLICH,

höre ich mich - ohne es zu wollen – LAUT selbst zu mir sagen. Ich genieße die Schönheit dieses Ortes, atme wieder tief ein und lass mir den Sand um die Nase wehen. Günstiges Peeling für meine jugendlichen Teint, als kleines extra Gimmick. Eine Art erster Komfort im Gegensatz zu den letzten Tagen…ohne Strom….ohne richtige Toilette....ohne Internet…ohne Handyempfang… ….im Schlafsack, mal auf dem Boden, mal auf der Pritsche, ohne fließend Wasser und vor allem seit Tagen ohne Dusche.


Ist das wichtig? Hier und jetzt?….NEIN. All das ist hier nicht wichtig und macht es vielleicht auch so besonders. Es ist genau so, wie ich es mir auf Weltreise vorgestellt habe und auch will. Außerhalb der Komfortzone. Jeden Tag intensiv und ganz nah dran an Begegnungen, Unverhofftem, Anstrengung und absoluter Schönheit. Ich beginne zu verstehen, warum die Leute hier so freundlich sind und auch wenn sie außer ihren Gers (Jurte), den Pferden, einem Moped und einem Klo aus einem Klappstuhl nicht so viel besitzen, sind sie wohl reich.





Reich an Freiheit und reich daran sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren zu können, ohne sich Zwängen unterwerfen zu müssen.



Wenn es weniger Menschen gibt, was hier in der Wüste und der dünn besiedelten Mongolei nun mal der Fall ist, wird jeder der den Weg kreuzt einfach subjektiv etwas wertvoller. Oder wie unser Guide, Tsengal, der selbst als Nomade aufgewachsen ist, es sinngemäß etwas salopper ausdrückt: »Ich liebe es hier. Keiner geht einem auf den Sack, wenn man nicht will. Du kannst einfach gehen. Platz ist genug. Und wenn das der Fall ist, dann sind alle freundlich und teilen, was sie haben. Das zählt hier mehr. In der Stadt gibt es alles und es wird einem schnell langweilig, dann fängt man an zu saufen oder sich anders abzulenken«. Er hat wohl recht. Seit Tagen habe ich ein tolles Gefühl und gewöhne mich auch langsam an die Grubentoiletten, die meist lediglich durch zwei knarzende Holzbretter mit einem Loch abgedeckt sind. Teilweise fehlt hierbei generell auch die uns bekannte sichtbehindernde Ummantelung oder Tür, sodass man, manchmal auch einfach zuschauen könnte, wenn man denn wollte. Zum Glück lassen die meisten anderen Reisenden ihre besonderen Neigungen diesbezüglich -sofern vorhanden – hier nicht durchkommen.






Es rücken die Essentials wieder mehr in den Fokus oder «Lokus«. Auf den 10 bis 12 stündigen Fahrten durch die Wüste schaue ich Ewigkeiten einfach nur aus dem Fenster und brauche nichts mehr als die Landschaft, die vorbeizieht. Wobei die Gesellschaft in unserer kleinen Gruppe die mit mir die Tour durch die Wüste macht, einfach mal ein Glücksfall ist! Wir sind 7 in unserem kleinen russischen Unimok der uns holpernd und quietschend die nächsten 8 Tage durch die Wüste bringt. Die zwei Guides vorn und 5 Reishungrige hinten.


Tsengal unser Guide, der immer ein Lächeln auf den Lippen trägt und uns die nächsten Tage mit seinen beiden Gaskochern exzellent aus dem Kofferraum des Unimok mal im Ger oder mal in der Wüste bekocht. Excellent! Tsengal ist selbst als Nomade aufgewachsen und hat dann in Tschechien Elektroingenieurwesen studiert. Deswegen spricht er auch entgegen anderer Guides die wir später treffen auch ein fabelhaftes Englisch, was uns die kleinen Geheimnisse der Mongolei etwas näher bringt. Jeden Morgen schlüpft er in sein traditionelles mongolisches Gewand. Den »Deeeeell». »Im Grunde wie der Computer nur etwas in die Länge gezogen«, meint er direkt zu Beginn der Reise.







Komplettiert wird das Leaderteam von Miga, unserem Fahrer, der kein Englisch spricht, aber mit seiner Sonnenbrille und Zigarette im Mund immer ziemlich draufgängerisch aussieht, und das mit seinen ausgezeichneten Fahrkünsten die nächsten Tage auch unter Beweis stellt, uns dabei aber immer mit Seelenruhe aus jeder heikleren Offroad- oder notwendigen Reperatursituation bringt.



Das schönste an den Beiden ist aber, dass sie Ihren Job lieben. Und das merkt man. Die beiden singen, haben eine Menge Spaß, trinken abends gern mal ein Bier mit, sofern vorhanden und das was wir in den nächsten Tagen von Ihnen verinnerlichen sind die Worte »Relaaaaaaxxx«, gefolgt von einem breiten Lächeln bei dem sich Tsengal ins Gras neben den Unimok legt, während Miga die gebrochene Lenkung oder ähnliches repariert.





Meine Mitreisenden sind zwei Pärchen… Anna aus Polen und Charly aus Südkorea haben sich in China beim Studium kennengelernt und sind Mitte 20. Barbara und Luca sind aus der Toskana , Anfang 40 und auf Hochzeitsreise. In der Mongolei! Gleich sympathisch… Direkt vorweg…die beiden werden in den nächsten Tagen nicht eine Nacht zweisam verbringen - Privatsphäre gibt es in der Steppe nicht wirklich - was der Laune der Beiden aber überhaupt keinen Abbruch tut. Luca ist schon das zweite Mal in der Mongolei und will seiner frisch gebackenen Frau nun sein absolutes Lieblingsland zeigen.


8 Tage werden wir jetzt ein Team und fahren etwas verspätet um 10 Uhr in Ulan Bator los….«Relaaaaaxxxx«. Wir werden den ganzen Tag brauchen bis wir in der südlichen Gobi irgendwo im Nirgendwo spät abends bei blutrotem Sonnenuntergang ankommen und das erste Mal ein Ger bei einer Nomadenfamilie beziehen.


Leider ist für uns kein Gäste-Ger mehr übrig. Die Nomadenfamilien, die mit dem Tourismus etwas dazu verdienen, haben häufig ein oder mehrere Gast-Gers für Besucher und natürliches ihr eigenes Familien-Ger.


Wie wir später merken, läuft das in der Mongolei so, dass die Fahrer einfach am Abend rumtelefonieren oder verschiedene Gercamps abfahren um eine Unterkunft zu kriegen. So richtig vorgebucht oder so wird da nix. Klappt aber auch immer irgendwie. Man kennt sich.


Am ersten Abend bleibt für uns jedoch nur das Familie-Ger übrig. Die Familie schläft stattdessen….ähhh…..…keine Ahnung wo?!?! Sorry…….


In unserem Ger sind zwei Schlafgelegenheiten. Ein Klappsofa und ein kleines Bett.





Okay…ich bin natürlich das 5te Rad am Wagen und hab auch grad keine Flitterwochen…. und biete selbstverständlich an auf dem Boden zu schlafen, damit die Honeymooner ein gemeinsames Bett beziehen können. Charly -ganz der Gentlemen- wird es mir gleich tun, da das kleinere Bett für zwei einfach nicht ausgelegt ist.


Schnell merken wir, dass das mit dem Schlafen im Ger irgendwie im Fernsehen deutlich romantischer aussieht, als es ist. Anna scheint das auch zu merken, als sie zum ersten Mal kurz zusammenzuckt und die Menge an Spinnen und Kleingetier entdeckt, dass sich an der Decke und am Boden des Gers tummelt, sofern man mit der Taschenlampe etwas genauer hinleuchtet, was Luca des Öfteren in den nächsten Tagen tun wird. Die Taschenlampe wird ihm daraufhin auch recht schnell von allen Teammitgliedern kurzerhand strengstens untersagt. »just dont look!«.


Die zweite Bemerkung an dem Abend ist nach der ersten Gewöhnungsphase etwas verhaltener von Anna: «What was that?«, bemerkt sie, als wir bereits in den Schlafsäcken liegen. Da ich ja auf dem Boden den besten Überblick über die unterer Etage habe, kann ich die etwas groß geratene Maus noch über den Boden huschen sehen. Die Gers sind eben nie ganz dicht sondern nur eine Konstruktion aus Holzstreben und Plane. Unten sind sie zur Lüftung meist offen. Die Maus hat also freien Zugang und begrüßt mich 15 Minuten später auch aus der Nähe als ich mich fast schon schlafend auf dem Boden umdrehe, sie vor meinem Gesicht auftaucht, wir uns beide etwas ungläubig ansehen und sie schnell wieder unter den kleinen Kommoden im Ger verschwindet. Mittlerweile ist aber auch meine erste Gewöhnungsphase abgeschlossen, sodass ich mich umdrehe und schlafe….übrigens nichts Ahnend, dass die Gewöhnung noch so weit gehen wird, dass ich eine Nacht allein neben einem frisch geschlachteten Schafskopf verbringen werde (nächster Blog).


Einzige Lichtquelle im Ger ist übrigens meist eine kleine Glühbirne, die von der Hauptstromquelle in der Steppe über zwei Kabel gespeist wird: Die Autobatterie. Lichtschalter? Man entferne wahlweise ein Kabel von einem der beiden Kontaktpunkte der Autobatterie….so einfach und doch effektiv.



Zähne putzen und Waschen erfolgt draußen mit meiner Stirnlampe und dem mitgebrachten Flaschenwasser. Es ist Stockdunkel und schon ein wenig mulmiges Gefühl mitten im Nirgendwo…50m vom Camp weg um seine abendliche Wäsche zu erledigen. Insbesondere dann wenn man in der Ferne plötzlich 30 leuchtend grüne Augen im Stirnlampenlicht aufblitzen sieht, die einen anstarren. Oh Oh….was is das? Wenn es jetz knurrt bin ich erledigt. Es gibt ja Wölfe hier.


Recht erleichtert vernehme ich also das lautstarke Meckern das aus der Mitte der starrenden Augen zu vernehmen ist. Die Ziegen der Familie. Puh…..Aber auch dieses Vorsichtige herantasten der ersten Tag in der Nacht verliert nach kurzer Zeit in der Steppe seine Spannung. Man gewöhnt sich an alles. Ein Kamel kreuzt Nachts den Weg….»GEH WEG, Mann!« Das Klo hat keine Tür …»selber Schuld, wenn du unbedingt zugucken willst.« Es gibt gerade gar kein Klo? «The steppe is your home…you only need to find a little cover!« …was nicht ganz einfach ist, wenn man 20km weit auf der Ebene schauen kann. Aber is grundsätzlich ganz befreiend, wenn einem der Steppenwind nicht nur um die Nase weht. Zumindest als Mann kann man die aktuelle Windrichtung sogar visuell feststellen.


Sobald die Nacht in der Mongolei hereinbricht und klarer Himmel herrscht, wird es atemberaubend in der Steppe.


Ich habe noch niiiiiiiiiieeeeee so viele Sterne am Himmel gesehen!

Tausende funkelte Punkte, die sich zu ganzen Sternhaufen zusammenrotten. Ich stehe stundenlang vor meinem Ger mit weit geöffnetem Mund vor Erstaunen und komme aus dem Fotografieren gar nicht mehr raus. Die Milchstraße mit bloßem Auge sehen. Einfach Wow! DAS WOLLTE ICH ERLEBEN!!! An kaum einem Ort der Erde kann man das so beobachten. Hunderte Kilometer gibt es keine größeren Lichtquellen und so kann das Sternenzelt ganz ungehemmt funkeln. Okay…daaaaaas is jetz romantisch.






Am nächsten Morgen geht es nun richtig in die südliche Gobi. Sind wir gestern noch zum Großteil einer asphaltierten Straße gen Süden gefolgt, hört das nun für die nächsten 7 Tage auf. Generell gibt es nur etwa 10 größere asphaltierte Straßen in der Mongolei (Ulan Bator ausgenommen). Diese ähneln eher schlecht gewarteten Landstraßen bei uns. Der Rest ist im Grunde Offroadbuckelpiste. die sich bei Regen einfach in Schlamm verwandeln und Miga all sein Können abverlangen.


Wie Miga navigiert ist mir sowieso ein Rätsel. GPS? Navi? Brauchen wir nich….obwohl uns doch ab und zu das Gefühl beschleicht, dass wir nicht ganz on Track sind. Gerade eine Fahrt die bis spät in die Nacht führt, lässt ahnen, dass auch die erfahrenen Fahrer hier gern mal den Überblick verlieren, nachdem wir erst zwei Stunden in die eine Richtung gefahren sind……drehen und dann 3 Stunden in die entgegengesetzte Richtung fahren. Man kann in der Mongolei zwar selbst ein Auto mieten, sollte das aber gut planen – GPS ist dann sowieso Pflicht. «Otherwise you will be lost« ergänzt Tsengal. Zur Info….das Fahren mit eigenem Auto ist auch meist deutlich teuer als sich ein Auto mit Fahrer zu mieten. Deshalb habe auch ich mich für diese Variante entschieden. Trotzdem sind die Fahrten ein Erlebnis. Machen wir uns am Anfang der Fahrt noch lustig über die nette Decken- und Seitenpolsterung des Unimoks im Innenraum …..»unsere Gummizelle« wie wir sind scherzhaften nannten, so wird uns der Sinn des Ganzen schnell bewusst, als ich zum ersten Mal in voller Fahrt aus dem Sitz gehoben werde und gegen die Decke knalle.


Ein erster Vorgeschmack.


Die Pisten sind Abenteuer und gerade bei Regen eine echte Herausforderung. So erwischt uns genau dieser in einer der trockendsten Regionen der Erde …zwei Tage Regen. In Russland hatten mir die Einheimischen schon gesagt…«so einen Sommer hatten wir lange nicht…you are a lucky guy!«. So scheint mich auch hier der glückliche und unwahrscheinliche Fall des Regens in der Wüste zur verfolgen….lucky guy…..

So lucky sind aber eine Reisegruppe Koreaner nicht, als wir diese mit Ihrem Unimok, umgeben von dicken Spurrinnen im Schlamm festgefahren auf weiter Strecke vorfinden. Man hilft sich…. und auch Tsengal achtet in den Camps immer darauf, dass noch andere Fahrzeuge hinter uns die Strecke befahren, so dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Dreck ziehen kann.


Das machen wir auch mit den Koreanern, die bereits Barfuß bis zu den Knöcheln im Schlamm rumwaten und keinen Zentimeter voran kommen. Miga wendet beherzt und …..und ….bleibt selber stecken. «Ohhhh….nooooo…..!!!« (Allzeit beliebter Flache-Hand-gegen-die-Stirn-Hau-Smiley…diesmal aber im Kollektiv)


Beherzt greifen alle an und Miga ist schnell wieder befreit, um das Abschleppseil am anderen Unimok zu befestigen. Mit vereinten Kräften schieben wir den Unimok aus der Misere und feiern den Erfolg mit einem Gruppenfoto.






Nach guter Tat fährt Miga gewohnt beherzt und gut gelaunt wieder los….30, 40, 70…ääähhh…Miga……schlechter Weg?!?! Und nach nur wenigen Kilometern schwankt der Unimok verdächtig. Miga reißt das Ruder links dann rechts und zack schießen wir von der -ich nenne es mal Straße – und stoppen abrupt mit einen kolektivn Kopfnicken. »Everybody okay?«….»Everybody okay!«

Miga steigt aus und begutachtet gelassen den Wagen. Tsengal und Miga wechseln zwei Worte. Tsengal dreht sich mit einem Lächeln zu uns um «Now it´s broken time« und wir gehen in den Relax Modus über. Der Querlenker ist gebrochen. Kein Problem. Ersatzteil is dabei auch etwas verbeult aber das wird mit vereinten Kräften wieder gerade geklopft, denn mittlerweile haben uns die Koreaner mit Ihren Guides wieder eingeholt und helfen nun uns. Man trifft sich eben immer zweimal…





Wir nehmen es gelassen, genießen das Abenteuer und die Pause für unsere Buckelpistengeplagten Steißbeine, die jeden Tag 6 bis 10 Stunden Offroad erdulden. Wie gesagt, man gewöhnt sich an alles. So krempeln wir ein wenig später wie ganz selbstverständlich und in Seelen Ruhe unsere Hosen schon mal hoch und ziehen Socken und Schuhe aus, um uns für das erneute Anschieben des Unimoks im Schlamm bereit zu machen, als dieser erneut droht im Schlamm zu versinken. Miga wirkt dem aber gekonnt und zentimeterweise entgegen, sodass wir heute kein Schlammbad mehr bekommen.

Die langen Fahrten sind gesäumt von ewig weiten Landschaften, erst saftig grün mit flachen weichen Bergen, dann Steppengras in gelblichem Ton bis hin zu Felslandschaften und roten Schlammformationen wie den Flaming Cliffs. Die an die großen amerikanischen Canyons erinnern.





Immer gesäumt von den großen Kamelherden, Pferden und Ziegen die auf bracher Ebene weiden.



Die Zeit vertreiben wir uns mit Musik. Und zwar genau 8 mongolischen Popsongs, die permanent 10 Stunden durch die Musikanlage des Unimoks laufen. Am ersten Tag ist es irgendwie komisch. «Schon wieder der Song?« …..Naja…was anderes haben wir ja nicht. Am zweiten Tag wippen die Füße schon im Takt….«Mmh….eigentlich ganz eingängig der Song…klingt irgendwie nach italienischen Pop. Gar nicht mal schlecht!« und in Gedanken summt jeder schon die Melodie. Am dritten Tag brechen die Dämme und vorallem Barbara und Luca singen lautstark und belustigt mit, wobei keiner im Unimok sich dieser guten Laune entziehen kann. Man gewöhnt sich an alles und hat manchmal dann auch richtig Spaß dabei. Übrigens hat mittlerweile jeder von uns die Playlist der 8 Songs runtergeladen, da uns Tsengal diese per eigens gegründeter Facebookgruppe zur Verfügung gestellt hat.


Barbara und Luca begeistern aber nicht nur durch Ihren Gesang sondern die ganze Zeit mit Ihrer Art. Die beiden sind mir sowas von sympathisch und eben einfach sie selbst. Kein Verstellen, eine immense und ansteckende Herzlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit. Die beiden haben sich gefunden, kennen Ihre Fehler, nehmen sie mit Humor und lieben sie an sich. Das spürt man einfach. Vielleicht auch dadurch weil sie beide auch jeder für sich ihre schweren Zeiten und Vergangenheit hatten, wie sie später erzählen.

Nur als kleiner Eindruck….Herrscht etwa ach stundenlanger Fahrt einfach mal Ruhe im Auto….dann fängt einer von beiden GARANTIERT an irgendetwas zu singen oder eine Melodie zu summen. Keine zwei Sekunden später steigt die bessere Hälfte im exakt richtigen Moment ohne Absprache lautstark in das Duett ein, was den ganzen Bus zum Lachen bringt, die beiden auch und sie sich dann wieder verliebt in die Augen schauen.

Ähhhhh……Herr Ober….Jap….genau das hätte ich für mich bitte auch. Ich zahle direkt bar. Brauch auch kein Dessert.


Apropos singen…….Luca erzählt mir später, dass es für jeden Augenblick und Situation im Leben ein italienisches Lied gibt. Spitzfindig, wie ich bin, will ich das natürlich genau wissen und frage Luca nach einem passenden italienischen Song ….als wir am Abend in der Wüste Kamelreiten sind. Wippend zwischen zwei Höckern dreht sich Luca um…… lacht …….und beginnt aus der Pistole geschossen eine kleine Melodie, in die Barbara natürlich mit dem passenden Text einsteigt! Ich kann nicht mehr vor Lachen und gebe mich geschlagen von so viel Lebensfreude!






Zurück im Ger lädt die Nomadenfamilie ein. Das ist mittlerweile übliches Prozedere. Kommt jemand zu den Familien zu Besuch wird erstmal eingeladen ins Familienger, auch ohne dass man ein Wort versteht. Es gibt immer selbstproduzierte heiße oder kalte Milch vom Pferd, Kamel, Ziege oder Kuh. Was eben grad da is. Meist ist diese mit etwas Tee vermischt. Dazu gibt es ein traditionelles kleines Milchgebäck, dass aus der kochenden Milch gewonnen wird, wie uns Tsengal später erzählt.


Die Milch wird aufgekocht und mit Laab versetzt. Die kochenden Blasen auf der Milch die etwas fester sind, werden dann abgeschöpft, getrocknet und gebacken…..eben Milchbrötchen sogesehen. So schmecken sie auch.


Manchmal gibt es dann noch frischen Hartkäse, der immer etwas anders schmeckt. Auch hier wieder Kamel, Pferd, Ziege, Kuh. Und wir sollen immer schön essen, da wird nicht gespart. In einem nicht ganz geplanten Zwischenstopp ein paar Tage zuvor kommen wir bei einer alten Dame, die mir Ihren sechs Enkeln aus der Stadt im Ger sitzt auch in den Genuss von Nomadenwodka, der heiß getrunken wird. »Mmh….schmeckt aber schön leicht«, sage ich zu Tsengal, der dies an die alte Dame weitergibt und beide lachend mit dem Kopf schütteln. ….»schmeckt nur leicht« erwidern sie.….Wir verabschieden uns mit dem mongolischen Wort für Danke »Baytla«…nicht zu verwechseln mit «Bayerta«, was «tschüss« bedeutet.







Zurück in der Gegenwart im Ger der Familie in der Gobi gibt es diesmal Arrak …vergorene Stutenmilch. Schmeckt ein bisschen wie leicht salziger Kefir mit Schuss und ist natürlich eher in Milchkonsistenz. Auch so eine Erfahrung, die ich immer gern machen wollte, seit Brad Pitt in Sieben Jahre in Tibet, seine Stutenmilch am Ende des Films bei seinem Freund stehen lässt. (Für Insider).


Ein inniger Abschied….genau wie der von Anna. Nicht Anna aus Polen sondern Anna aus der Schweiz, deren Lächeln mir entgegen strahlt, als ich Abend etwas erschöpft aus der Tür des Gers schaue. Schon leicht im Dunkeln kämmt sie sich gerade den Sand aus den langen dunklen Haaren und wirft mir Ihr Offenherziges «Hi!« entgegen. Ich bin mir nicht ganz sicher wie ich geschaut habe…aber ich glaube entweder habe ich gestrahlt wie ein Honigkuchen oder eben wie ein leicht verwirrter Goofy. «Hi!«. Ich tippe übrigens auf Zweiteres. Naja. Wir verstehen uns. Anna hat lange in den USA gelebt, war Personaltrainerin (übrigens fand sie den Begriff Fitnesstrainerin, den ich hier zuerst verwendet habe nicht würdig.....das wurde dementsprechend zensiert :_D) , möchte nochmal Lehramt studieren und ist im Urlaub für zwei Wochen..…allein in der Mongolei. Mutig! Anna ist offen, sprüht vor Enthusiasmus und Energie, liebt die Fotografie, die Musik, das Abenteuer, weiß was sie will. Ihr Lachen ist ansteckend und auch kaum zu umgehen. Sie kennt auch schon jeden im Camp. Wir verstehen uns …irgendwie verdammt gut. «Ist also doch romantisch hier?!?!«, denke ich. Wir reden über das was war und das was ist und das was wohl mal sein wird, während wir - romantisch wie wir sind, der Nomadenfamilie beim Ausnehmen und Blut abschöpfen einer gerade ganz unkompliziert zur Strecke gebrachten Ziege zuschauen.




Anna verabschiedet sich für die Nacht, da sie den morgentlichen Sonnenaufgang um 5 Uhr auf der Düne verbringen will. Ich schlafe lieber. War ja heut schon oben.


Am nächsten Abend setzte ich mich allein mit Gitarre auf die kleine Bankgarnitur des Camps und spiele leise ein paar Lieder für mich. Schon ein paar Tage zuvor hatten wir mit Barbara, Luca, Anna und Charly die Nachbarschaft in den Gers wachgehalten, die sich am nächsten Tag mit «Thank you for the music, yesterday« bedanken, was tatsächlich von den Nachbarn auch so gemeint war, wie wie auf unsere etwas zögerliche Entschuldigung für die Lautstärke dann doch feststellen.


Schnell gesellen sich ein paar Chinesen zu mir und meiner Gitarre, wovon einer mich um die Gitarre bittet und beginnt ein paar Lieder zum Besten zu geben. Ich spiele weiter und nach und nach gesellen sich Barbara, Luca, Anna und auch Anna, die schon im Bett war, zu uns. Lautstark geben wir ein wunderbares Quintett ab, wobei gerade der Refrain aus «Dont look back in anger« von Oasis «….and sooooo sally cant wait…she know ist too late…..« mit breitem Lächeln in meinem Gedächtnis bleibt. Am Morgen reist, Anna ab, während wir noch einen Tag länger bleiben. Wir tauschen Nummern und verabschieden uns mit einer innigen Umarmung nach viel zu wenig Zeit. Es ist wirklich schön dich kennengelernt zu haben.






Und da bin ich wieder auf meiner Düne. Glücklich von den Landschaften, den Eindrücken und Menschen denen ich begegnen darf, von denen einige einen ganz besonderen Platz auf meiner Reise einnehmen. Und von der Freiheit, die man ganz besonders auf freiem Feld mit Toilettenpapier in der linken Hand und dem Wind….um…..um die Nase spürt.


Romantik wieder weg? Sorry. So is die Mongolei eben. In einem Moment romantisches Abendlicht, bis man 30 Minuten später die Toilette bestehend aus zwei Holzbrettern mit Loch für das abendliche Fertigmachen sieht und dann wieder die Milchstraße funkelnd über dir.




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